INTERVIEW Birgit von Hellborn über mögliches „Exit“-Szenario und Sorgen der Branche

Mindestabstand bei Popkonzerten?

Hat derzeit mitnichten einen „Day off“: Birgit von Hellborn, Geschäftsführerin von Stadthalle und Capitol, sorgt sich um das Überleben des Branchennetzwerks. Foto: p
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Hat derzeit mitnichten einen „Day off“: Birgit von Hellborn, Geschäftsführerin von Stadthalle und Capitol, sorgt sich um das Überleben des Branchennetzwerks. Foto: p

Offenbach – Großveranstaltungen bleiben nach der Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten am Mittwochabend erst mal bis Ende August verboten – und damit auch größere Konzerte.

Wir haben mit Birgit von Hellborn, der Geschäftsführerin von Stadthalle und Capitol Offenbach, darüber gesprochen, wie ein „Exit“ in der Konzertbranche aussehen könnte, wie die Veranstalter auf die Krise reagieren und wer am meisten unter den Einschränkungen leidet.

Bis Anfang September werden wohl keine größeren Konzerte erlaubt sein. Was denken Sie, wann und wie die Kulturbranche ins normale Leben zurückkehren wird?

Es gibt nach wie vor kein exaktes Datum, wann was wieder losgeht. Die Kultur wird mit Sicherheit ziemlich die letzte Branche sein, die wieder auflebt. Möglicherweise wird es erst nächstes Jahr richtig weitergehen, und dann sicherlich mit großen Auflagen: Vielleicht müssen alle Mundschutz tragen, Mindestabstand halten, vielleicht darf es nur eine beschränkte Besucherzahl geben und keine wirklich großen Konzerte mehr. Ich persönlich denke aber: Sobald man wieder dicht gedrängt in einem Flugzeug sitzen darf, müsste man auch wieder ins Theater oder ins Kino gehen dürfen.

Glauben Sie, dass Popkonzerte mit Mindestabstand und Mundschutz praktikabel wären?

Bei bestuhlten Konzerten, Theater und Shows ist das sicher machbar, wobei auch da an der Garderobe, in den Pausen, beim Einlass, die Besucher dicht beieinander stehen. Aber bei unbestuhlten Konzerten wird das nicht möglich sein: Mundschutz ja, Abstand halten wüsste ich im Moment nicht wie!

Über 25 Veranstaltungen, darunter ausverkaufte Konzerte etwa von Avril Lavigne, Simple Minds oder Sasha, mussten in diesem Frühjahr abgesagt beziehungsweise verschoben werden. Das ist schon sehr schmerzhaft, nicht nur für die Fans, auch für Sie, oder?

Das tut schon sehr weh, vor allem wenn man sieht, was da für eine Wertschöpfungskette dranhängt. Es sind ja nicht nur wir als Betreiber von Capitol und Stadthalle betroffen, sondern auch die Veranstalter, die ganzen Künstler und Freiberufler, die Techniker, Stagehands, Tourleiter, Caterer, Garderobiere, alle, die bei unseren Veranstaltungen mit anpacken und mitorganisieren. Das komplette Drumherum liegt brach, das sieht man erst jetzt in vollem Ausmaß. Da hängen in der Branche Millionen dran und ganz viele Einzelschicksale, die vor dem Nichts stehen.

Was bereitet Ihnen derzeit am meisten Sorgen?

Meine Sorge ist, dass zu viele Veranstalter, Künstler und Freiberufler auf der Strecke bleiben, auf die unsere Branche angewiesen ist. Das wäre fatal, damit würde ein ganzes Netzwerk kaputtgehen. Seit Kurzem gibt es ja die Crowdfunding-Plattform „kulturzeiterin.de“, die Freiberuflern in der Kreativszene in Frankfurt und Offenbach helfen will, und für die ich mich engagiere. Die Mitarbeiter im Capitol und in der Stadthalle machen Kurzarbeit, für unsere Techniker gibt es erst mal noch etwas zu tun: die Schallschutzwände der „Classic Lounge“ werden saniert, der Bühnenboden abgeschliffen, Wartungen durchgeführt . Die Veranstaltungsleiter buchen Konzerte um und machen Verträge für Herbst und für 2021. Aber für freie Licht- und Tontechniker, Bühnenmeister etc. gibt es jetzt nirgendwo Arbeit.

Wie groß sind die Verluste für Capitol und Stadthalle?

Normalerweise sind der Februar, März, April neben November und Dezember die stärksten Monate für das Capitol und die Stadthalle Offenbach. Im Februar waren Lindemann und Papa Roach mit ihren ausverkauften Konzerten zu Gast. Ich habe noch im Februar eine Pressemeldung rausgegeben, dass wir für das laufende Jahr einen Zuwachs von 50 Prozent im Vergleich zu den Buchungen im Vorjahr haben. Der derzeitige Einbruch der Einnahmen auf Nullkommanull ist sehr hart. Es gibt ja trotzdem Kosten für uns, die weiterlaufen: Strom, Heizung, Verträge, Versicherungen, Wartungen und so weiter. Das einzige, was wir erst mal stoppen konnten, war die Werbung inklusive Produktion unserer Flyer. Wir hätten ein wirklich gutes Jahr vor uns gehabt!

Wie geht es jetzt weiter?

Ein Teil der Konzerte und Veranstaltungen ist auf den Herbst verschoben. Wir müssen schauen, wie sich die Lage entwickelt. Wenn wir ab September wieder loslegen können, kommen wir rein finanziell mit einem dunkelblauen Auge davon. Momentan würde ich dann in etwa mit einem zusätzlichen Verlust von 200 000 bis 250 000 Euro rechnen, wobei sämtliches Zahlenwerk derzeit morgen schon wieder überholt ist. Wie es aussieht, wenn die Krise länger dauert, will ich mir lieber gar nicht ausmalen. Momentan planen wir zwar erst mal ganz normal bis in den Sommer 2021 weiter. Allerdings haben einige Veranstalter große Tourneen, die eigentlich für nächstes Jahr geplant waren, schon auf das Jahr 2022 verlegt, damit sich nicht alles im kommenden Jahr staut.

Diejenigen, die schon Tickets gekauft haben, bekommen ihr Geld für abgesagte Konzerte oft nicht zurück, weil Veranstalter von der Gutscheinregelung Gebrauch machen können – zumindest bei Tickets, die vor dem 8. März gekauft wurden. Was halten Sie von dieser Vereinbarung?

Ich finde die Regelung vernünftig. Stellen Sie sich vor, alle würden ihre Tickets schlagartig zurückgeben. Dann wären viele Veranstalter direkt pleite – vielleicht nicht die großen wie Live Nation oder Wizard Promotions, aber die kleineren, örtlichen Veranstalter mit Sicherheit. Ich habe vor Kurzem noch mit Marek Lieberberg telefoniert: Teilweise sind die Konzerte von Live Nation über ein Jahr im Voraus ausverkauft, Avril Lavigne zum Beispiel, die ja nun im Frühjahr 2021 nach Offenbach kommt. Würden alle Ticketkäufer das Geld zurückfordern, würden das die meisten Agenturen nicht überleben –und selbst die großen nur schwer. Eine Anmerkung in eigener Sache: Auch das Capitol würde sich freuen, wenn die Besucher der „Classic Lounge“ ihre Tickets für die in den Herbst verlegten Konzerte nicht zurückgeben würden!

Das Gespräch führte

Lisa Berins

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