Plädoyer für Mindestlohn

Offenbach - Ab 2015 soll in Deutschland ein Mindestlohn von 8,50 Euro gelten. Gegen Ausnahmen von dieser Regelung hat Verdi gestern bei einer Veranstaltung in Offenbach protestiert. Von Harald H. Richter 

Guido Jurock hat die Probe aufs Exempel gemacht und sich um einen Nebenjob bei einer Sicherheitsdienstfirma beworben. Die erbringt Leistungen bei Fußballspielen in der Frankfurter Commerzbank-Arena. „7,76 Euro wollten sie mir als Stundenlohn zahlen“, empört er sich. „Und das, obwohl inzwischen ein allgemein verbindlicher Tarifvertrag für diese Branche besteht, der 8,14 Euro vorsieht und ab nächstem Jahr 8,50 Euro betragen wird.“ Jurock gehört dem Fachbereichsvorstand Besondere Dienstleistungen der Gewerkschaft Verdi an, die gestern in der Offenbacher Innenstadt im Rahmen einer Aufklärungskampagne „für einen Mindestlohn ohne Ausnahmen und ohne Schlupflöcher“ warb und die Konsequenzen einer Aushöhlung des Koalitionskompromisses aufzeigte.

Deutsche Arbeitnehmer können ab 2015 mit einem gesetzlichen Mindestlohn rechnen. Doch kaum ist dieser Entschluss durch die schwarz-rote Bundesregierung gefasst, beginnen Diskussionen um Sonderregelungen. Die Arbeitgeber würden unzulässig Druck auf die Große Koalition ausüben, um den gesetzlichen Mindestlohn mit Ausnahmen zu durchlöchern, moniert Verdi. Jugendlichen unter 18 Jahren und Langzeiterwerbslosen soll in den ersten sechs Monaten der Mindestlohn vorenthalten werden.

Für den stellvertretenden Bezirksgeschäftsführer Alexander Klein (Frankfurt) ein Unding. „Wir sagen klar Nein dazu, junge Menschen unter 18 ausschließen zu wollen.“ Es sei nicht zu erkennen, dass durch finanzielle Unterschiede zwischen Ausbildungsvergütung und ungelernter Tätigkeit zum Mindestlohn negative Anreize geschaffen würden, der diese Altersgruppe von einer Ausbildung abhalte, sagte der Gewerkschaftssekretär. Ausnahmen für junge Beschäftigte wären zudem mittelbar altersdiskriminierend und verstießen gegen das Gleichheitsprinzip im Grundgesetz.

Wenn Bundarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) davon spreche, das neue Gesetz solle den Arbeitnehmern helfen, ihre Würde zu wahren, werde damit genau das Gegenteil bewirkt. „Würde ist unteilbar, deshalb darf es keine Ausnahmen geben“, betonte Klein, der unter freiem Himmel den Dialog mit Passanten suchte und eine Gesprächsrunde mit betroffenen Langzeitarbeitslosen bestritt. Unter ihnen befand sich auch Bernhard Schülke aus Frankfurt – von Beruf Chemiker und seit Jahren ohne Beschäftigung. Der 54-Jährige beurteilt seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt so: „Düster, je älter ich werde.“ Resignieren will er nicht, engagiert sich – ebenso wie Helga Röller – im Verdi-Erwerbslosenausschuss Frankfurt und Region. Beide haben beobachtet, dass bereits zunehmend Zeitarbeitsfirmen kurz befristet Mitarbeiter einstellten und „unter Wert“ beschäftigten, um sie dann wieder zu entlassen. Die Folge sei ein neuer prekärer Arbeitsmarkt, der reguläre Beschäftigung verdränge. „Sollte für Langzeitarbeitslose die Ausnahmeregelung vom Mindestlohn greifen, müssen nämlich auch sie befürchten, nach maximal sechs monatiger Anstellung wieder rausgeschmissen zu werden“, so Gewerkschafter Schülke.

Rubriklistenbild: © dpa

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