Detailreiche Welt im Maßstab 1:87

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Die Stellwerker betreiben eine modulartig aufgebaute Digital-Anlage der Baugröße H0. Der Bahnhof Kleinreinstein entspricht mit seinen sieben Gleisen in etwa dem von Offenbach. Allerdings fehlt die Anbindung einer Nebenbahn...

Offenbach - Ein Satz des chinesischen Philosophen Konfuzius ist heute noch beliebt: Der Weg ist das Ziel. Von Stefan Mangold

Als der Miniaturbahnclub „Stellwerk“ begann, im ehemaligen Kohlenkeller der Bundesbahn an der „Untere Grenzstraße“ Tische aufzustellen, um mit dem Bau der bestehenden Miniatureisenbahnstrecke zu beginnen, war Deutschland amtierender Fußballweltmeister.

Und wahrscheinlich würden die Modellbahner heute noch an der Anlage von 1959 werkeln. „Wir erhielten aber 1993 die Kündigung“, erinnert sich Martin Bläß, 42-jähriger Leiter der Freizeitgruppe in der Stiftung Bahn-Sozialwerk (BSW), deren Mitglieder den Miniaturbahnclub bilden. Als es für den Offenbacher Ostbahnhof große Pläne gab, rissen die Erbauer ihr Werk ab und packten die Kisten. Dann durften sie alles wieder ausräumen, weil die Bahn den Mietvertrag doch verlängerte. Die Stellwerker lernten daraus. „Die früheren Gestelle für die Platten waren im Boden fest verankert,“ erklärt Bläß. Die neue Anlage steht auf mobilen Tischen, lasse sich also zur Not woanders platzieren, auch wenn das „mit sehr viel Arbeit verbunden ist“.

Gemeinsam an der Anlage basteln

Die meisten, die sich freitags hier treffen, erst gemeinsam essen und dann gemeinsam an der Anlage basteln, sind Angestellte der Bahn oder pensionierte Bahnbeamte. „Mehr als die Hälfte der eingetragenen Mitglieder müssen von der Bundesbahn kommen“, das stehe in der Satzung der Stiftung, erklärt Martin Bläß. Er selbst stamme „aus einer Eisenbahnerfamilie“.

Bläß kennt sich auch in der Welt der echten Züge bestens aus. In Frankfurt arbeitet er als Chef der Zentralen Verkehrsleitung. In seinem Arbeitsalltag bewegt er sich in einem permanenten Dilemma. Jede Entscheidung der Verkehrsleitung verursacht Unzufriedenheit unter den Kunden. Lässt die einen Zug in Heidelberg warten, damit noch hundert Leute aus einem Zug umsteigen können, der Verspätung hat, bestehe das Risiko, „dass in Heidelberg welche drin sitzen, die später in München den Flieger verpassen“. Für Entscheidungen gebe es kein starres Regelwerk, „es kommt auf die Situation an“.

„Eine Modellbahn kann niemals fertig werden“

Die ändert sich auch bei den Modellbauern in ihrem Keller, wenn auch in einem vergleichsweise ruhigen Tempo: „Eine Modellbahn kann niemals fertig werden.“ Hier ist der Weg tatsächlich das Ziel. Am Wochenende öffneten die Stellwerker wieder ihre Türe für die Besucher, um den aktuellen Stand vorzuführen. Und es tut sich einiges rund um den Hauptbahnhof Kleinreinstein im Maßstab 1:87. Ein größeres Segment werden die etwa zwanzig Modellbaufreunde in den nächsten Monaten, wenn nicht sogar Jahren neu gestalten.

Nie liefen die Diskussionen darum, „wer etwas macht“, sagt Bläß, sondern immer „um das wie“. Die Details sind wichtig: Vor dem Rathaus der Miniaturanlage spielt eine Blaskapelle auf. Ein Kino zeigt den Film „Gone with the Wind“ im Original, in Deutschland unter dem Titel „Vom Winde verweht“ weit bekannter. Die meisten Bastler hätten ihre Vorlieben. Die einen kümmerten sich lieber um die Häuser, die anderen um die Technik der Gleise oder das Arrangement der Bäume. „Kaum fangen wir an, schon ist es eine halbe Stunde nach Mitternacht“, beschreibt Bläß die konzentrierte und dennoch kommunikative Atmosphäre. Die Strecke orientiert sich an keiner, die es irgendwo gibt. Darüber, in welchem Bundesland die Stadt liegen könnte, darf der Betrachter spekulieren. Eine Kneipe bietet Berliner Schultheiss-Bier, Lastwagen der Brauereien Licher und Fürstenberger liefern ebenfalls aus – wie im richtigen Leben...

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