Tag der offenen Tür

Miniaturbahnclub Stellwerk: Besuch für Jung und Alt

+
Die große clubeigene Gleichstrom-Anlage war ein echter Hingucker, deren Faszination, wie das Bild zeigt, nicht nur die Männerwelt erlegen ist.

Offenbach - Beim Modellbahn-Fahrtag müsste Ähnliches gelten wie für ein Museum: Je besser das Wetter, desto geringer die Besucherzahl. Das trifft beim Miniaturbahnclub Stellwerk an der Unteren Grenzstraße 12 keineswegs zu. Von Stefan Mangold 

Draußen scheint die Sonne, trotzdem herrscht drinnen schon kurz nach dem Start am Sonntag Gedränge an den Gleisen. Viele Erwachsene tragen Kinder auf dem Arm, wie Günther Herold seinen fünfjährigen Enkel Joshua. Herolds Tochter Julia Spiegel sorgt dafür, dass Joshuas kleine Schwester Leonie sehen kann, wie die Bahn fährt. Das Mädchen schaut interessiert zu, trotzdem vermutet die Mutter: „Eisenbahn ist eher was für Jungs.“ Sie habe als Kind zwar genau beobachtet, wie ihr Vater mit dem Bruder die Modellbahn aufbaute, selbst juckte es sie jedoch nicht in den Fingern.

Die meisten Erwachsenen gehören zum Stammpublikum des jährlichen Tags der offenen Tür bei den Stellwerkern, die der Stiftung Bahn-Sozialwerk (BSW) angehören. Harald Kiehl aus Heusenstamm erscheint in Begleitung seiner Frau Slavica. Die meisten Enthusiasten widmeten sich als Kind ihrer Eisenbahn. Als Jugendliche vergaßen sie das Thema, um es in späteren Jahren um so intensiver wieder aufzugreifen. Bei dem 69-Jährigen gab es nie einen Bruch. Sein Gattin reagiert gelassen auf das Hobby, das sie selbst nicht teilt: „Er steht täglich im Keller, ich rede ihm nicht rein.“ Der Pfiff für den Freund von Modelleisenbahnen liegt im Nachbau von Originalen, erklärt Klaus Rein, stellvertretender Leiter der Offenbacher Gruppe. Die trifft sich seit 1959 jeden Freitagabend in den BSW-eigenen Clubräumen, um an der H0-Gleichstrom-Anlage zu basteln, die gerade alle bestaunen.

Mit Erinnerungen verknüpft

Für diese Strecke gilt wie für weltweit jede ihrer Art: Fertig wird sie nie. „Gleich- oder Wechselstrom, das sind Glaubensrichtungen“, erklärt Rein Nuancen für den Laien. Jeweils um die 15 Mitglieder erscheinen zu den Treffen. Einer wie Stefan Uhlig kommt aus dem 55 Kilometer entfernten Bad Soden-Salmünster, ein anderer aus Karlstein in Bayern. Der 73-jährige Rein erzählt von einer Fahrt auf im Schlafwaggon von Toronto nach Vancouver über dreieinhalb Tage, die sich der langjährige Manroland-Techniker vor ein paar Jahren gönnte – in einem Zug der luxuriösen kanadischen Silver & Blue Class. Im Fachgeschäft am Zielort suchte Rein seine Brocken Englisch zusammen, um ein Modell der Bahn zu kaufen. „Mit mir kannst du Deutsch reden“, meinte der Geschäftsinhaber in breitem Kölsch.

Modellbahnclub „Stellwerk Offenbach“

Lesen Sie auch:

Faszination Eisenbahn

Mit einem seiner Eisenbahn-Modelle verbindet Klaus Rein eine ganz bestimmte Erinnerung. Als sein Sohn pubertierte, herrschte zwischen Vater und Sohn über Monate kommunikative Ebbe. Irgendwann kauften beide zusammen das besagte Sammlerstück. „Dadurch kamen wir wieder miteinander ins Gespräch.“ Auch Sohn Matthias gehört bis heute den Stellwerkern an.

„Das Hobby wurde in den letzten Jahren nicht billiger“, spricht Martin Bläß, seit zwölf Jahren Gruppenleiter der Modellbahnfreunde, aus langer Erfahrung. Computer und digitale Anlagensteuerung spielen auch da längst eine Rolle. Ein Waggon, der vor 20 Jahren 50 Mark kostete, geht heute für 80 Euro über den Tresen: „Dafür in wesentlich besserer Qualität als früher.“ Vom Einkauf zurückgekehrt, sei es schon mal ratsam, sich mit der Tüte in der Hand diskret an der Gattin vorbeizumogeln.

Steinberger hat Keller in Lok-Paradies verwandelt

Steinberger hat Keller in Lok-Paradies verwandelt

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare