Die Mischung faszinierte

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Nicht 25, aber immerhin 15 Jahre ist’s her: Ulrike Happel und Dieter Kögel vom Theaterprojekt Bleichstraße 14H erhöhen uniformiert das subjektive Sicherheitsgefühl der Besucher auf dem Mainuferfest 1996.

Gastwirte sind sauer“, titelte die Lokalpresse am 11. September 1987. Und die Gastronomen standen mit ihrer Skepsis nicht alleine.

„Offenbach braucht kein neues Fest“, „Wer soll all die vielen Bratwürste essen, die an den Ständen angeboten werden?“ Die Volksseele köchelte in den Wochen vorm ersten Mainuferfest. Achtzig Gruppierungen hatten sich für den 12. und 13. September 1987 angemeldet. Davor lag ein dicker Fauxpas: Ein bereits kommunizierter Termin vor den Sommerferien musste hastig storniert werden, weil er mit der Lederwarenmesse kollidierte. Der Mainuferparkplatz wurde gebraucht.

Ich war damals seit vier Monaten Leiter des Amts für Öffentlichkeitsarbeit. Weil ich noch neu war, wurde mit mir noch Nachsicht geübt. Mein damaliger Chef, Oberbürgermeister Wolfgang Reuter, hielt mir den Rücken frei. Diese Unterstützung war auch notwendig. Als wir uns zu einer ersten Vorbesprechung mit den Ämtern am Büsingpalais trafen, erklärten mir vierzig Kolleginnen und Kollegen aus diversen Ämtern, was aus ihrer Fachsicht nicht möglich war.

Gleichzeitig hatten wir riesigen Stress mit unserer Organisationsabteilung, weil wir uns illegal den ersten PC innerhalb der Verwaltung besorgt hatten. Ohne den wäre die Organisation unmöglich gewesen. Der Aufbau am Samstag war chaotisch. Oft reichte der Platz nicht, um ein Zelt aufzubauen.

Ich bin von Stand zu Stand gerannt, um Konflikte zu schlichten. Auf dem Areal gab es einen Verkehrsstau, Lieferanten kamen aus allen Richtungen, Stände verengten die Fahrbahn.

Aber das Engagement der Vereine in Verbindung mit einem ungewöhnlich warmen Septemberwochenende bescherte dem Fest einen nicht erwarteten Erfolg. Bis in die späte Samstagnacht belebten 25 000 Menschen Parks und Straßen rund ums Büsingpalais. Das Angebot im Jahr 1 vor Frankfurts Museumsuferfest (erstmals 1988) war für Freiluftveranstaltungen jener Zeit ungewöhnlich. Eine vielfältige Speisekarte, Mitmachaktionen auf der Straße, Informationen satt über das Offenbacher Vereinsleben. Auf den Straßen tanzten Griechen und Bayernverein Sirtaki und Schuhplattler, Künstler portraitierten Besucher, im Tor zum Bernardbau zeigten die Amateurfilmer alte Streifen aus Offenbach.

Die Mischung faszinierte: der Verein zur Verbesserung der Lebenssituation von Homosexuellen neben einer eher konservativen Religionsgemeinschaft, Motorsport-Fans in Nachbarschaft zu Waldschützern, die Maingoldcasino-Tänzer zusammen mit Hardrockern.

Mein Sohn war gerade vier Jahre alt. Ich habe damals selbst erfahren, wie wichtig in einer Großstadt die Gemeinschaft in einem Verein für die Entwicklung eines Kindes ist. Meine Idee war, diesem Engagement eine Plattform zu geben. Ich wollte, dass es eine Veranstaltung in Offenbach gibt, die Brücken zwischen den sehr heterogenen Milieus schlägt, die aber gleichzeitig das Bürgertum in der Stadt anspricht.

Dennoch: die Manöverkritik war deftig. Viele Pannen konnten nur mit viel Improvisationstalent überwunden werden. Besonders ärgerlich: Die Toilettenfrauen schlossen um 22 Uhr die Klowagen ab. Die Wirte der umliegenden Lokale standen am Montag nach dem Fest in Kompaniestärke bei mir im Büro. Und ich konnte sie verstehen.

Beim zweiten Mainuferfest wurden die Anlaufschwierigkeiten überwunden. Die Vereine begannen, Konflikte beim Aufbau selbst zu regeln. Die Kirchgasse entwickelte sich bald in Richtung Partymeile, im Gegenzug platzierte das Organisationsteam die kleinen Vereine in der Herrnstraße und in der Mainstraße.

Die Zahl der Gruppen stieg in den folgenden Jahren auf 140, die Zahl der Besucher stetig auf 50.000. Für Aufregung sorgte 1990 die Entscheidung des Magistrats, Parteien von der Teilnahme auszuschließen. Eine Klage dagegen wurde negativ beschieden.

Zum jährlich wiederkehrenden Thema wurde die Toilettensituation. Gäste und Teilnehmer mussten mit zwei altersschwachen Toilettenwagen vorlieb nehmen, in den Klos im Maindamm brachen in regelmäßigen Abständen die Abflussrohre. Seit Mitte der 90er Jahre mietet die Stadt für die menschlichen Bedürfnisse Container an. Die Zahl der Beschwerden sinkt seit dieser Zeit.

Um die Müllberge nach dem Fest einzudämmen, müssen die Vereine seit Mitte der 90er Pfand für Geschirr und Becher verlangen. Die Zahl der Auflagen nimmt zu. Beim ersten Mainuferfest konnten wir die Regeln noch auf zwei DIN-A-4-Seiten niederlegen. Heute verteilen wir ein kleines Buch mit Geboten und Verboten. Manchmal gibt es Bußgelder, weil trotz Verwarnung noch nach 1 Uhr nachts ausgeschenkt wird.

Neue Vereine kamen hinzu, andere zogen sich zurück, viele blieben. Oft hängt die Teilnahme am Engagement von zwei oder drei Personen. Immer wieder gibt es auch Hinweise, dass nicht der Verein, sondern ein Wirt das Geschäft macht. Wir haben auch dieses Jahr zwei Tarnorganisationen die Teilnahme verweigert. Seit ungefähr 15 Jahren dürfen in der nördlichen Herrn- und im mittleren Teil der Mainstraße keine Bierwagen mehr stehen, dort ist auch elektronisch verstärkte Musik verboten.

Seit 1995 arbeitet Michèle Latzke für das Amt für Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist Ansprechpartnerin für die Vereine. Bei ihr ist das Fest in den richtigen Händen. Da muss ich nicht mehr in vorderster Front agieren. Eine ihrer Hauptaufgaben ist der Aufbau der Kulturmeile in der Herrnstraße gemeinsam mit dem Forum Kultur und Sport. Wir wollen dort vielen kleinen Kulturinitiativen ein Forum geben und ihnen mit Ausrüstung helfen. Kultur muss als ein Markenkern des Mainuferfestes sichtbar bleiben.

Besonderheit zum Silberjubiläum: Oberbürgermeister Horst Schneider wird Vereinen, die seit Anfang dabei waren, mit einem Oscar danken.

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