Missionieren ist tabu

+
Für Gespräche über Lebens- und Glaubensfragen offen: Ehrenamtliche Helfer wie Petra Woyciechowski (rechts) und Monika Freudhoefer, aber auch hauptamtliche wie Frank Mach, Leiter des Caritashauses, leihen Bürgern ihr Ohr.

Offenbach - „Ich fand den Gedanken interessant, die Kirchenmauern aufzumachen“, sagt Petra Woyciechowski. Die Katholikin ist eine der ehrenamtlichen Helfer, die regelmäßig mit dem Kirchenmobil unterwegs sind. Von Simone Weil

An verschiedenen Stellen der Innenstadt machen sie mit dem Smart samt Anhänger Station, stellen einen Stehtisch auf und bieten sich als Gesprächspartner an.

Mit dem gelb-blauen Auto will die Cityseelsorge unter dem Motto „Kirche zwischen Tür und Angel“ mobile Anlaufstation für Bürger sein. „Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind“, erläutert Monika Freudhoefer die Idee. Ein weiterer Schwerpunkt ist die „offene Kirche in St. Paul“ (Kaiserstraße). Montags bis freitags von 16 bis 19 Uhr werden dort Gespräch, Gebet und Stille offeriert. Eine Messe oder ein Wortgottesdienst runden um 18 Uhr das Angebot ab. „Präsenz zeigen“ ist allen Beteiligten zentrales Anliegen. Petra Woyciechowski: „Viele Leute, die uns ansprechen, erleben den Islam als sehr präsent und sind froh darüber, dass auch die Christen Profil zeigen.“

Seit zwei Jahren sind 15 Frauen und Männer freitags und samstags am Markt- und am Wilhelmsplatz sowie in der Fußgängerzone (Frankfurter Straße / Ecke Kaiserstraße) anzutreffen. Auto, Anhänger und Ausstattung wurden mit Mitteln des Bistums Mainz angeschafft.

Leider macht die Politik den Freiwilligen und einigen hauptamtlich bei der Kirche Beschäftigten immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Wenn Wahlen anstehen, müssen sie sechs Wochen lang zurückstecken. Dann sind die Innenstadtplätze den Parteien zu Werbezwecken vorbehalten. „Wir werden in dieser Zeit vermisst“, so Irmgard Mader-Walter. Sie freut sich, dass sie und ihre Mitstreiter für viele Bürger zu einer festen Größe im Straßenbild geworden sind.

Wer mitarbeiten will, meldet sich am Stand oder unter Tel:  069 80 06 42 51  .

Die meisten Passanten reagieren positiv auf den mobilen Stand. Reden darf, wer will. „Wir amüsieren uns, wenn jemand kommt, und sich erst mal dafür entschuldigt, dass er evangelisch ist“, erzählt Monika Freudhoefer. Mitunter wird jedoch richtig vom Leder gezogen und ganz allgemein über Papst und Kirche gemotzt. Das lassen sich die Zweierteams nicht widerstandslos bieten. Schließlich legen sie selbst größten Wert auf Zurückhaltung und sind weit davon entfernt, „Leute anzusprechen, aufdringlich zu sein oder gar zu missionieren“, sagt Monika Freudhoefer. „Wir sind einfach da und nehmen auch in Kauf, dass niemand kommt.“

Offenes Ohr bei persönlichen Problemen

Diejenigen, die möchten, finden ein offenes Ohr. Zu den Themen zählen häufig Probleme mit der persönlichen Lebenssituation und Trauer um einen Verstorbenen. „Man merkt häufig, dass sonst niemand da ist, der zuhört“, sagt Irmgard Mader-Walter. Weil „Kirche“ dransteht, scheint das manchen Passanten zu ermuntern, sich spontan auf ein Gespräch einzulassen.

Es gibt auch ganz praktische Fragen: Wo kann ich mein Kind taufen lassen oder wie kann ich wieder in die Kirche eintreten? Mader-Walter: „Das Problem ist, dass die Pfarrbüros nur noch eingeschränkt besetzt sind. Selbst wenn man weiß, zu welcher Gemeinde man gehört, ist die Hemmschwelle groß, dorthin zu gehen. Wenn dann die Tüten verschlossen sind, vergeht meist viel Zeit, bis ein erneuter Anlauf gewagt wird.“

Frank Mach, Leiter des Caritashauses, koordiniert die Einsätze und bietet sich selbst auch regelmäßig als Gesprächspartner an. „Es gibt Begleitungstreffen, bei denen wir unsere Erfahrungen austauschen“, sagt er. Darüber hinaus schaut die Gruppe auch immer wieder mal jenseits der Stadtgrenzen nach ähnlichen Initiativen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare