Alten- und Krankenpflege

Missstände traurige Realität

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Doreen Gegenwart (links) ist die Gewinnerin des Landeswettbewerbs für Alten- und Krankenpflege. Damit bis zum Bundeswettstreit Anfang Juni in Leipzig alle Handgriffe sitzen, geht sie mit Pflegeschul-Leiterin Gitta Oesch alle Praxisfragen durch.

Offenbach - Doreen Gegenwart ist Hessens beste Schülerin für Alten- und Krankenpflege. Zum gestrigen Aktionstag sprachen wir mit ihr über die gestiegene Belastung, schlechte Bezahlung und den Pflegealltag. Von Jenny Bieniek 

Während andere Menschen händeringend Arbeit suchen, ist es in ihrem Beruf leicht, einen Job zu finden, weiß Altenpflegeschülerin Doreen Gegenwart. „Vielleicht zu leicht“, bemerkt die 36-jährige Mutter eines Sohnes, die ursprünglich aus Sachsen-Anhalt stammt und der Liebe wegen ins Rhein-Main-Gebiet kam.

Viele Kollegen wechselten aufgrund von Unzufriedenheit lieber die Arbeitsstelle, statt an der alten Veränderungen zu bewirken. Die hohe Fluktationsrate sieht Gegenwart kritisch. „Für die Patienten ist ständig wechselndes Personal schlecht, aber auch für uns ist es schwierig, sich immer neu zusammenzufinden.“

Bevor sie 2012 an der Altenpflegeschule des Seniorenzentrums Offenbach angenommen wurde, arbeitete Gegenwart bereits viele Jahre als Pflegehilfskraft. „Das hat mir aber nicht gereicht“, erzählt sie. Sie habe ihre Vorstellungen von guter Pflege umsetzen wollen, „doch dazu muss man eine gewisse Position bekleiden“. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass Wünsche von Patienten trotz schriftlicher Fixierung übergangen werden oder Fließbandarbeit das Eingehen auf einzelne Patienten unmöglich macht.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Peter Schulte-Holtey.

Vor Kurzem hat die Biebe-rerin den Landeswettbewerb für Alten- und Krankenpflege für sich entschieden. „Und das, obwohl Frau Gegenwart erst im zweiten Ausbildungsjahr ist“, freut sich Schulleiterin Gitta Oesch. Damit stellt die hiesige Altenpflegeschule bereits zum dritten Mal in Folge die Gewinnerin dieses Wettbewerbs, bei dem es unter anderem um Fachwissen zu Hygiene, Anatomie und Praxis geht. „Wir stellen hohe Anforderungen an unsere Schüler“, erklärt Oesch den Erfolg ihrer Einrichtung. Denn im Beruf des Altenpflegers gerate man schnell in Situationen mit großer Verantwortung. Das bestätigt Gegenwart, die zuvor beim ambulanten Pflegedienst Gelbke in Mainflingen tätig war. Die medizinischen Anforderungen seien in den letzten Jahren stark gestiegen. Neben der klassischen Wundversorgung gehörten Pflege von gesetzten Sonden, Kathetern oder Ports längst zum Standard. „Anders als im Heim habe ich im ambulanten Pflegedienst aber keine Ansprechpartner und kann auch nicht an die nächste Schicht abgeben“, unterstreicht Gegenwart die große Selbstständigkeit ihres Jobs.

Bedarf an Personal ist da

Weil soziale Kontakte heute schneller abbrechen und die Kinder oft in anderen Städten wohnen, steige der Bedarf und Anspruch an Altenpfleger. „Man ist Fachkraft, Familienersatz, Putzfrau und Psychologin in einem“, weiß Gegenwart aus Erfahrung. Wichtig sei, das richtige Maß zu finden zwischen Anteil nehmen an individuellen Schicksalen und Abschalten können. „Man kann leider nicht allen helfen“, sagt die 36-Jährige, die in der Pflegeschule die Frau ihres Lebens traf und sie kurzerhand heiratete.

Bevor Gegenwart sich zu der dreijährigen Ausbildung entschloss, begann sie ein Sozialpädagogik-Studium und absolvierte später eine Ausbildung zur Schreinerin. „Aber mit Mitte 20 stellt dich niemand ein, aus Angst, du verabschiedest dich in die Familienplanung“, erinnert sie sich. Ihre jetzige Tätigkeit sei erfüllend, auch wenn vieles nicht optimal laufe: „Vielerorts gibt’s zu wenig Personal, das Arbeitsaufkommen spitzt sich zu. Oft ist Überforderung die Folge.“ Auch die schlechte Bezahlung sei immer wieder Thema.

„Der Bedarf an gutem Personal ist da. Wenn aber einzig die Bezahlung im Vordergrund steht, wird’s schnell schwierig“, gibt Oesch zu bedenken. Immerhin gehe es um Menschen, die hilfebedürftig sind. Die jüngsten Wallraff-Aufdeckungen um Missstände in deutschen Pflegeheimen seien „traurige Realität“ und nur die Spitze des Eisbergs, glauben beide. Obwohl solche Enthüllungen wichtig seien, schade es dem Image ihrer Berufsgruppe. Auch deshalb hätten viele Angehörige ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Pflege der Eltern abgäben. „Dabei nehmen wir doch auch beim Arzt- oder Friseurbesuch professionelle Hilfe in Anspruch“, so Oesch. Der Großteil mache eine gute Arbeit, betont sie, aber schwarze Schafe gebe es überall.

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Weil Altenpflege eine beliebte Branche für Quereinsteiger ist, sei die Nachfrage nach Plätzen derzeit groß, berichtet Oesch. Pro Jahr bildet sie 30 Altenpfleger und etwa 27 Pflegehelfer aus, die Altersspanne ihrer Schüler reicht von 16 bis Mitte 50. Zwar sei der Frauenanteil deutlich höher, doch immer wieder bewerben sich auch junge Männer. „Leider höre ich oft von Müttern, die im Hintergrund gegen diesen Berufswunsch wettern, weil man damit keine Familie ernähren könne“, bedauert Oesch. Sie sieht die Politik in der Pflicht, den Beruf attraktiver zu machen.

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