Mitgefühl der Offenbacher geht auch in die Partnerstadt

Nach dem Terror von Paris: Nous sommes Puteaux

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Eines der modernen Wahrzeichen von Groß-Paris liegt auf dem Stadtgebiet von Offenbachs Partnerstadt Puteaux: La Grande Arche de la Fraternité, der große Bogen der Brüderlichkeit, wurde zwischen 1984 und 1989 im Hochhausviertel La Défense gebaut und liegt fast in der Blickachse zu Napoleons Triumphbogen.

Offenbach - Das Massaker in Frankreich löst große Bestürzung aus. Mit der Pariser Nachbarkommune Puteaux pflegt man in Offenbach seit 1956 die älteste aller europäischen Städtepartnerschaften. Von unserer Redaktion

BEKUNDUNG: Erschüttert über die Attentate haben Oberbürgermeister Horst Schneider und Parlamentsvorsteherin Sieglinde Nöller im Namen von Magistrat, Stadtverordnetenversammlung und den Offenbachern der Partnerstadt Puteaux sowie dem französischen Volk ihr tief empfundenes Mitgefühl ausgesprochen. Bürgermeisterin Joëlle Ceccaldi-Raynaud erfährt, dass Offenbach in Gedanken bei den Opfern und deren Angehörigen sei sowie bei denjenigen, die diese Anschläge miterleben mussten: „Schon wieder wurde die französische Bevölkerung Opfer eines perfiden Anschlags, bei dessen Grausamkeit uns die Worte fehlen.“

MAHNUNG: Schneider warnt, die Debatten um Terrorismusabwehr mit der aktuellen Flüchtlingskrise zu verknüpfen: „Die Menschen, die derzeit ihre Heimat im Nahen Osten oder in Afrika verlassen und zu uns kommen, fliehen vor genau diesem Terror, der nun auch Europa erreicht hat. Wir müssen sie genauso vor Hass und Gewalt schützen wie unsere eigene Bevölkerung.“ Und er fügt in Anspielung auf eine Internet-Botschaft des bayerischen Finanzministers hinzu: „Man muss aufpassen, dass nicht die Söders die Schlagzeilen machen.“

PARTNERSCHAFT: „Tief betroffen, total schockiert“ ist Bettina Jöst, die in der Stadtverwaltung für die Partnerschaften und die Reisen in die Schwesterstädte zuständig ist. Sie hatte kurzen Kontakt zu einem Veranstalter in Paris: „Der hat sich kurzfristig Frau und Tochter geschnappt und ist aufs Land gefahren.“ Die nächste Offenbacher Fahrt nach Puteaux ist für den 4. Dezember geplant; unter anderen soll ein Chor an Feierlichkeiten teilnehmen. In Puteaux selbst geht derweil – vom Ausnahmezustand abgesehen – vieles seinen normalen Gang. Auf ihrer Homepage teilt die Commune am Montag ausdrücklich mit, dass Kindergärten und Schulen ebenso geöffnet seien wie öffentliche Einrichtungen.

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KEIN PARLIEREN: Am Rudolf-Koch-Gymnasium, wo Französisch als erste Fremdsprache gelehrt wird, war es kein gewöhnlicher Montag. Redet die Jugend üblicherweise übers Erlebte am Wochenende, gab es gestern nur ein Thema – den Wahnsinn von Paris. „Das bewegt uns alle“, sagt Direktorin Christiane Rogler, „im Unterricht, in den Pausen, auf den Fluren.“ An der Schlossstraße hielt die Schulgemeinde um 12 Uhr eine Minute inne, und auf der Schul-Internetseite steht: „Wir sind tief betroffen angesichts der furchtbaren Anschläge in Paris vom vergangenen Freitag.“ Und was ist mit dem Schüleraustausch mit südfranzösischen Schulen in St. Genies de Malgoirès und Anduze? „Darüber haben wir noch nicht nachgedacht“, bittet die Oberstudiendirektorin um Zeit und Abstand.

STAMMTISCH: Beim Deutsch-Französischen Stammtisch (heute, 19.30 Uhr, Volkshochschule, Berliner Straße 77) dürften die Ereignisse das Hauptthema sein. Das erwartet Heide Uhl, Vorsitzende des Club Franco-Allemand und des städtischen Partnerschaftskomitees. Wo sonst unter dem Motto „Schwätzabend“ locker-flockig „über alles und nichts“ parliert wird, dürfte es ernst zugehen. „Das Thema beschäftigt uns alle“, so Uhl. Sie weiß von etlichen Offenbachern, die – wie sie selbst – gestern Abend an der Gedenkveranstaltung vor dem Französischen Konsulat in Frankfurt teilnehmen wollten. Generell sind zu den unregelmäßig angebotenen Stammtischen Gäste willkommen. „Das geht immer sehr lebhaft zu, es kommen zwischen 20 und 40 Interessenten, auch Franzosen“, berichtet Uhl, Konferenzdolmetscherin mit Französisch als erster Sprache.

REPRESSIONSFURCHT: Unter Jugendlichen seien die Anschläge ein wichtiges Thema, berichtet Stadtschulsprecherin Selina Sanbakli. Schüler mit muslimischen Hintergrund fürchteten Repressionen aufgrund ihrer Religion. Sie wendet sich sich gegen pauschale Verurteilung: „Wir müssen zeigen, dass wir als Gesellschaft zusammenhalten, zwischen friedlichem Ausleben des Islams und Fanatismus unterscheiden.“ Die stellvertretende Stadtschulsprecherin Hibba Kauser formuliert: „Der IS möchte uns Angst einjagen und uns einschüchtern. Mit den Flüchtlingen und den hier lebenden muslimischen Bürgern müssen wir Aufklärungsarbeit leisten, damit die Grundwerte der Demokratie erhalten bleiben.“

ENTSETZEN: Abdelkader Rafoud, Vorsitzender des Ausländerbeirats, ist entsetzt: „Das war ein barbarisches Attentat und hat mit Religion nichts zu tun.“ Dass der Islamische Staat im Namen des Islam morde, stelle die muslimischen Gemeinden vor ein großes Problem. Schließlich würden Muslime durch die Attentate stigmatisiert. Auf der anderen Seite sieht der gebürtige Marokkaner auch die Gemeinden in der Verantwortung. „Die Moscheen haben eine wichtige Vermittlerrolle.“ So könnten junge Menschen von radikalen Strömungen abgebracht werden. Rafoud will einen runden Offenbacher Tisch zum Islamismus organisieren.

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MUSLIMISCHES BEILEID: Als einzige muslimische Gemeinde Offenbachs meldet sich die – von der islamischen Mehrheit nicht anerkannte – Ahmadiyya zu Wort: „Solche Angriffe zeugen von äußerster Brutalität und Unmenschlichkeit sind mit keiner Religion vereinbar und aufs Schärfste zu verurteilen. Im Namen der Gemeinde möchten wir unser Beileid bekunden. Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern und ihren Angehörigen.Möge Gott ihnen Halt in dieser schweren Zeit geben.“

PERSÖNLICHES: „Mir ist ein Schreck durch die Glieder gefahren.“ Oberbürgermeister Horst Schneider ist nicht nur in seiner Funktion von den Anschlägen betroffen, sondern auch wegen familiärer Beziehungen. Sohn Moritz und Schwiegertochter Sara, Französin, waren am Freitagabend auf dem Weg nach Brüssel. Besonders bewegt ihn ein Was-wäre-gewesen-wenn: Auch Gattin Konstanze weilte Ende vergangener Woche mit einer Freundin in Paris; der Sohn wollte den beiden über seine Beziehungen noch Karten für das Spiel im Stade de France besorgen; weil aber schon Bahn-Billetts gekauft und Plätze reserviert waren, verzichteten die beiden und saßen zum Zeitpunkt der Anschläge bereits im Zug. Die Schneiders werden Paris dennoch nicht meiden: „Aller Sorge und Furcht zum Trotz müssen wir Haltung bewahren.“

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