Mobilität aus der Steckdose

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Auch Rollerfahren geht mit Strom: Beim Mitarbeiterfest unserer Zeitung stellte die Firma „Lautlos durch Rhein-Main“ aus Dreieich ihre elektrobetriebenen Flitzer vor.

Offenbach - Wenn aus Mangel an Stromtankstellen niemand ein Elektrofahrzeug kauft und aus Mangel an Elektrofahrzeugen niemand eine Stromstankstelle eröffnet, bleibt das Zukunftsthema Elektromobilität zwangsläufig auf der Strecke. Von Marcus Reinsch

Einen kräftigen Schubs verpassen wollen der umweltfreundlichen und, falls richtig angewendet, geldbeutelschonenden Technik möglichst bald die Städte Offenbach und Frankfurt.

Bis der Namensgeber des gestern vorgestellten Projektes „Linie 103“ - der Bus von Mühlheim über Offenbach nach Frankfurt - tatsächlich mit Strom fährt, wird es zwar noch Jahre dauern. Doch mit den 115 Fördermillionen aus dem Konjunkturpaket II, die der Staat den deutschlandweit acht Modellregionen über sein „Bundesprogramm Elektromobilität“ spendiert, lässt sich auch relativ kurzfristig schon etwas ausrichten.

Zur Infrastruktur, die die Städte gemeinsam mit vielen Partnern schaffen wollen, gehören unter anderem Ladestationen für verschiedene, gerne von mehreren Nutzern finanzierte Elektrofahrzeuge, die Verknüpfung mit der S-Bahn an der Station Offenbach-Marktplatz, Vorzeigeobjekte wie Passivhäuser mit Sonnenstromüberschuss im Neubaugebiet „An den Eichen“ und eventuell der Verleih von Elektrofahrrädern.

Und irgendwann soll eben auch der dickste Brummer im Paket, der 103er-Bus, an der Steckdose tanken. Da allerdings sind Geduld und Einfallsreichtum gefragt. Einfach einen Bestellschein für einen zwölf Meter langen Elektro-Bus ausfüllen und wenige Monate später schadstofffrei und fast geräuschlos den ökologischen Vorreiter geben - das scheitert schon daran, dass es Elektrobusse in der nötigen Größe noch gar nicht gibt. Deshalb sind die Organisatoren des Projektes auf der Suche nach Partnern aus der Industrie, die auf die staatlich geförderte Nachfrage mit einem Angebot reagieren. Das bedeutet Jahre der Entwicklungsarbeit.

Ein vergleichbares Busmodell ist bereits in Turin im Einsatz

Um zumindest die Praxistauglichkeit vor Ort testen zu können, soll zunächst ein wesentlich kleinerer, aber einsatzbereiter Bus ausgeliehen und möglichst ab Herbst im Probebetrieb sein. Problem: Eines der wenigen greifbaren Modelle dreht im italienischen Turin seine Runden und ist als Anschauungsobjekt heiß begehrt. Schmerzhaft: Nach Deutschland müsste das umweltfreundliche Gefährt wohl von einem Sattelschlepper mit durstigem Dieselaggregat chauffiert werden. Mit der Reichweite seiner Batterien käme ein E-Bus nicht mal bis zu den Alpen.

Fernreisequalitäten wären zwischen Mühlheim und Frankfurt-Bornheim aber auch nicht gefragt. Wichtig ist vor allem, dass so ein Bus auf der 17 Kilometer langen Strecke nicht an jeder Haltestelle schlapp macht. Die Technik ist mittlerweile zwar soweit, dass mit besonders leistungsfähigen Energiespeichern ausgerüstete Kleinbusse in Turin und Luzern an jeder Haltestelle drei bis fünf Minuten berührungslos über Magnetfelder aufgeladen werden, während die Passagiere ein- und aussteigen. Doch die große Version, die in Offenbach gebraucht wird, müsste kräftiger und flotter sein.

Lesen Sie hierzu auch den Kommentar von Peter Schulte Holtey „ Zu früh gehupt “ 

Firmen, die Passendes entwickeln wollen, gebe es durchaus, sagen Offenbachs Bürgermeisterin Birgit Simon und die Umwelt- Energie- und Mobilitätsamtschefin Heike Hollerbach. Doch auch der Preis spielt eine Rolle. Zum Vergleich: Einer der schadstoffreduzierten Dieselbusse, mit denen die Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB) gerade ihre Flotte erneuern, kostet rund 250 000 Euro. Um ein brauchbares batteriebetriebenes Linienbusmodell zu bekommen, würden nach Schätzung von Anja Georgi von der Lokalen Nahverkehrsorganisation zwischen 350 000 und 800 000 Euro fällig. Vom Staat gäbe es maximal 50 Prozent Zuschuss.

Es gehe nunmal darum, gibt Frankfurts Wirtschaftsdezernent Markus Frank zu Protokoll, „dass wir den ersten Schritt machen. Wir müssen als Keimzelle in der Region eine gute Infrastruktur schaffen. Dann kommt auch das Interesse.“ Elektromobilität sei „kurz vor einer breiten Anwendbarkeit“.

Die sieht Joachim Böger, Geschäftsführer der Stadtwerke Offenbach Holding (SOH), nicht in erster Linie im Linienbus mit Batterie. Der könne natürlich „keine Eigenentwicklung für die Stadt Offenbach“ sein, aber ein Baustein im Gesamtkonzept.

Geld vom Staat für Energie-Ideen - Das „Bundesprogramm Elektromobilität“

-Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat 115 Millionen Euro in den Fördertopf seines „Bundesprogramms Elektromobilität“ gesteckt. Es soll bis 2011 der Erprobung und Marktvorbereitung von Elektrofahrzeugen den Weg bereiten und für ein dichteres Netz öffentlicher Stromtankstellen sorgen. 

- Aus 130 Bewerbungen wurden acht Modellregionen ausgewählt. Neben der Region Rhein-Main (Frankfurt, Offenbach, Darmstadt, Mainz, Wiesbaden, Bad-Homburg und angrenzende Landkreise) sind das Berlin/Potsdam, Bremen/Oldenburg, Hamburg, München, Rhein-Ruhr, Sachsen und Stuttgart.

- Die Modellregion Rhein-Main gilt als warnendes Beispiel dafür, dass erneuerbare Energien und Elektromobilität noch zu wenig genutzt werden, um die „Nebeneffekte“ Schadstoffe und Lärm spürbar mildern zu können.

- Für das Projekt „Linie 103“ wird eine Leitstelle im Domizil der Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) in der Senefelder Straße eingerichtet. Von dort aus werden die Aktivitäten der Partner koordiniert. Dazu zählen neben Offenbach und Frankfurt mit ihren einschlägigen Fachdezernaten auch der für 15 Landkreise und elf Städte zuständige Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), die Lokalen Nahverkehrsorganisationen und die SOH. Sie selbst und ihre Konzernableger üben sich schon länger in der Etablierung umweltfreundlicher Techniken. Dazu zählen beispielsweise Solaranlagen auf den Dächern städtischer Gebäude, ein energetisches Gebäudesanierungsprogramm und die Vermarktung des Neubaugebietes „An den Eichen“ als ökologisches Vorzeigeviertel mit energieeffizienten Häusern, Photovoltaikanlagen auf Dächern und einer Lärmschutzwand und Car-Sharing.

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