Schmüllings Modehaus erzählt Geschichten

Einer Großstadt würdig

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Der Name Schmülling beherrschte einst den Offenbacher Marktplatz.

Offenbach - Vor achtzig Jahren kam Hans Schmülling in die Stadt. Er kam, um hier mit einem Bekleidungshaus selbstständig zu werden. Als er es im November 1933 eröffnete, wurde das zu einem großen Ereignis. Das Unternehmen gibt es heute nicht mehr. Von Lothar R. Braun

Aber als Schmülling 1980 starb, hinterließ er ein Haus, an dem sich Stadtentwicklung betrachten lässt. Es erzählt von einer Mitte, die nur noch Marktplatz heißt, weil sie vor 300 Jahren tatsächlich einmal als Platz konzipiert worden war. Und an der Planer schon bastelten, als Hans Schmülling noch jung war.

Bevor der damals 30jährige promovierte Jurist aus Köln nach Offenbach fand, hatte er als Syndikus für Wirtschaftsverbände gearbeitet und als Geschäftsführer eines Textilhauses die Praxis geprobt. Für das Wagnis der Selbstständigkeit wählte er ein Haus am Offenbacher Marktplatz, in dem auch schon vorher Textilien angeboten worden waren. Noch früher, um 1831, ist dort eine Seifensiederei nachgewiesen..

Hans Schmülling, Offenbachs erster Karnevalsprinz (hier mit prinzessin Helene) , versetzte 1936 die Stadt in einen Rauschzustand.

Richtig in der Stadtgesellschaft angekommen ist der Doktor aus dem Rheinland dann 1936. Zum ersten Mal erlebte Offenbach einen Fastnachtszug und in Schmülling einen Karnevalsprinzen. Als Prinzessin hatte er Helene Ringshausen an der Seite. Im Jahr darauf durfte er die Rolle abermals übernehmen, diesmal mit Hilde Weipert als Prinzessin. Die Gestaltung des Umzugs besorgen Studenten der Technischen Lehranstalten (heute HfG), angeleitet von Professor Willy Meyer. Dort unterzog sich auch die malerisch begabte Schmülling-Ehefrau Elisabeth einer künstlerischen Ausbildung.

Mit Hans Schmülling war der Offenbacher Karneval zu einem Ereignis geworden, das die Stadt in einen Rauschzustand versetzte. Lange erzählt wurde von der Nacht zum Aschermittwoch 1936, in der sich ein Menschenauflauf auf dem Marktplatz sammelte und so lang nach dem Prinzen rief, bis der sich im Nachthemd am Fenster zeigte.

Zehn Jahre nach der Eröffnung, im Dezember 1943, sinkt das Haus bei einem Luftangriff in sich zusammen. Fünf Hausbewohner werden darunter begraben. Mit seinem kriegsbedingt knappen Warenangebot verkauft Schmülling nun in Räumen des Kaufhofs an der Frankfurter Straße. Eine Wohnunterkunft findet die Familie im Kahlgrund. Der Weg zur Verkaufsstelle in Offenbach wird mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Im November 1949 rücken die Bagger an

Nach Kriegende wollen die Schmüllings zurück an den Markt. Doch das zieht sich hin. Schmülling ringt der Stadtverwaltung den Plan ab, den Marktplatz näher an sein Grundstück heranzuführen. Vor dem Schmülling-Grundstück liegen die Trümmer des alten Gasthauses „Goldener Engel“. Wenn dort nicht mehr aufgebaut wird, gewinnt der Marktplatz an Fläche.

Schmüllings Vorschlag steht im Einklang mit dem stadtpolitischen Ziel, die Kriegszerstörungen zur Auflockerung der als eng empfundenen Innenstadt zu nutzen. Der Marktplatz soll großzügiger erscheinen können. Im November 1949 rücken die Bagger an. Die Offenbach-Post meldet es mit freudigen Erwartungen: „Es hat die längste Zeit gedauert, dass die Ratten auf dem Marktplatz spazieren gingen. Hoffentlich werden auch die anderen Ecken bald in Angriff genommen, so dass Offenbach in wenigen Jahren einen Marktplatz besitzt, wie er einer modernen Großstadt würdig ist.“ In der Tat spazieren heute Fußgänger dort, wo einst die Väter im „Goldenen Engel“ zechten.

Zusätzliche Passage

1950 ist das erst einmal ein eingeschossiger Bau. Die meisten wieder aufgebauten Geschäftshäuser bestehen damals lediglich aus dem Erdgeschoss. Mit der Aufstockung von 1955 aber erhält der Marktplatz ein neues Gesicht. Der Offenbacher Architekt Carl Müller hat das Haus so gestaltet, dass es den Zeitgenossen als wegweisend für moderne Kaufhäuser gilt. Und ohne Zweifel stimuliert es die Bebauung der übrigen Marktplatzränder. Die Fachpresse jedenfalls gibt ihm noch mehr Raum als die positiv kommentierende Tagespresse. Aufsehen erregt beispielsweise eine in die Geschäftsräume integrierte Rutschbahn in die Kinderabteilung.

Das Haus fällt 1966 mit einer Veränderung auf. Eine zusätzliche Passage verlängert die Schaufensterfront auf achtzig Meter. Zugleich wird auf dem Dach der Name Schmülling als gewaltig wirkende Leuchtschrift montiert, die nun in der Nacht den Marktplatz illuminiert. Die Passage allerdings hat sich nicht bewährt und muss zurückgebaut werden. Penner und nächtliche Zecher haben sie zu häufig auf abstoßende Weise ihrem Zweck entfremdet. Das gab es also auch schon früher.

1994, vierzehn Jahre nach dem Ableben des Dr. Hans Schmülling, entscheiden sich die Erben, das Geschäft zu schließen. Als Mieter verwandelt die Buchhandels-Kette Gondrom das Textilhaus in ein Haus der Texte. Zehn Jahre danach geht Gondrom in der Thalia-Kette auf, und Thalia wechselt 2009 in das neue KOMM am Aliceplatz. Nach einigen Zwischenlösungen ziehen wieder Textilien ein. Die Gründerfamilie Schmülling-Baller, die einmal den Offenbacher Einzelhandel ungemein belebt hat, tritt dabei nur noch als Vermieter auf.

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