Modellprojekt

Neue Wohnformen erproben im IHK-Bau

Reihenhaus oder Altenheim sind nichts für sie: Josef Krzyzanek, Barbara Dauth und Hannelore Trabandt haben in dem Verein Creativ-Haus-Offenbach eine Wahlfamilie gefunden. Sie möchten nun neue Wohnformen erproben. - Foto: Beher

Offenbach - Der Verein Creativ-Haus macht mit beim Modellprojekt im ehemaligen IHK-Bau. Er würde die Immobilie gern langfristig für ein gemeinsames Leben und Arbeiten von Jung und Alt nutzen. Von Bianca Beher

„Ich habe jetzt schon Angst, wenn ich ans Alter denke.“ Als eine Künstlerin Josef Krzyzanek von ihrer Furcht vor der Einsamkeit im Alter berichtete, kam ihm eine Idee: Warum nicht eine neue gemeinschaftliche Wohnform schaffen, bei der junge und alte, arme und reiche Menschen gemeinsam in einem Haus leben und arbeiten?

Bei seiner Idee sei es nicht nur darum gegangen, verschiedene Generationen unter einem Dach zu vereinen, sondern vor allem um die Frage, wie die verschiedenen Menschen dann zusammenleben könnten, erläutert der Architekt.

Vorbild des Modellprojekts: die 68er-Bewegung

Bei der Idee ist es nicht geblieben. Aus ihr ist „Creativ-Haus“ geworden, ein Verein mit 18 Mitgliedern, die Krzyzaneks Vision teilen. Er sieht die Kommunen der 68er-Bewegung dabei als eine Art Vorbild. Sie hätten das Wohnen damals neu erfunden und sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert, findet der 62-Jährige.

Genau das soll nun in Offenbach mit Creativ-Haus passieren: Keine neue Kommune zwar und auch kein klassisches Mehrgenerationenhaus. Doch eine neue Wohnform, die zur heutigen Gesellschaft passt. Die Menschen in den unterschiedlichsten Phasen ihres Lebens sollen voneinander profitieren. Denkbar sei zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter die neben einem älteren Ehepaar wohnt. „Die älteren Leute könnten dann Leihoma oder Leihopa spielen, um der Familie unter die Arme zu greifen“ sagt Josef Krzyzanek. Um dem Namen Creativ-Haus gerecht zu werden, soll es neben Gemeinschaftsräumen auch Werkstätten, Wohn-Ateliers und Büros sowie Ausstellungsräume geben. Herzstück des Ganzen könnte ein Dachgarten sein.

Modellprojekt „Wohnbüro Offenbach“

Den Vorstellungen des Vereins nahe kommt, was ab April für ein Jahr im ehemaligen IHK-Gebäude am Platz der Deutschen Einheit erprobt wird. Beim Modellprojekt „Wohnbüro Offenbach“ werden verschiedene Nutzergruppen, zu denen auch Creativ-Haus gehört, eben jene neuen Wohnformen testen. Gern möchte der Verein das Gebäude nach Ablauf des Probejahrs langfristig nutzen. Um das zu finanzieren, planen die Mitglieder die Gründung einer Genossenschaft.

Auch die 59-jährige Hannelore Trabandt ist Mitglied bei Creativ-Haus. Sie ist in einer Großfamilie aufgewachsen und hat als Kind gemeinsam mit den Eltern, Großeltern, drei Geschwistern sowie Onkel und Tante unter einem Dach gewohnt: „Bei uns war immer einer Zuhause, deswegen kenne ich die Vorteile vom Zusammenleben verschiedener Generationen“. In einer WG möchte sie nicht wohnen, deshalb ist das Creativ-Haus für sie so reizvoll. Dort könnte sie in einer eigenen Wohnung leben und trotzdem die Vorteile des gemeinschaftlichen Wohnens genießen.

Verein ist bunt gemischt

Die Mitglieder im Verein sind bunt gemischt, es gibt viele Künstler, aber auch Rentner, Selbstständige und Angestellte. Die Altersspanne ist weit, sie liegt bisher bei 30 bis 72 Jahren. Auch die 68-jährige Barbara Dauth möchte gern im Creativ-Haus leben. Sie hat schon als Sekretärin, Bankangestellte und Taxifahrerin gearbeitet. Im Verein betreut sie nun ein Projekt, plant gemeinsam mit Offenbacher Schülern, anderen Senioren die Nutzung der neuen Medien zu erklären.

Sowohl für Barbara Dauth, die eine Tochter und zwei Enkel hat, als auch für die alleinstehenden Josef Krzyzanek und Hannelore Trabandt ist der erst am 12. Dezember des vergangenen Jahres gegründete Verein zu einer Art Wahlfamilie geworden. Und das obwohl die meisten Mitglieder sich erst seit einem knappen Jahr kennen. Durch die Vereinsgründung wollten sie eine neue Verlässlichkeit schaffen. Das gemeinsame Projekt verbindet. „Bei uns haben eben die richtigen Leute zusammengefunden, die ihre Zukunft gemeinsam gestalten möchten“ sagt Hannelore Trabandt.

Gemeinschaft bedeutet viel

Die Gemeinschaft bedeutet den Mitgliedern viel, das ist spürbar. Der Umgang miteinander ist zwanglos, es wird viel gelacht, vor allem über das Alter. „Ich will nicht alt werden, aber mindestens 100“ erklärt Krzyzanek. Und: „Wir möchten aktiv und präsent sein und so die Geschichte dieser Stadt prägen.“

Und was ist aus der Künstlerin geworden, die ihre Angst vor dem Alter geäußert hatte? „Sie wohnt inzwischen in einem Heim“, erzählt Josef Krzyzanek. „Aber da holen wir sie raus.“

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