Poetry Slam an der Leibnizschule

Moderne Lyrik selbstgemacht

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Dealer und Spieler waren die Themen bei Tassos Slampremiere.

Offenbach - Clara wägt das Für und Wider zum Führerschein mit 16 ab. Laura spricht im pinken Blazer über pinke Pillen. Lukas träumt von verdreckten Klobrillen, Handkäs und Maden im Kühlschrank. Von Jenny Bieniek

Wer am Mittwochnachmittag den Weg in die Black Box der Leibnizschule fand, wurde Zeuge von Weltpremieren. Dort ergriffen Schüler aus dem Deutsch-Orientierungskurs bei Matthias Schaefer erstmals bei einem Poetry Slam das Mikrofon. Das Konzept: Künstler tragen auf der Bühne selbstgeschriebene Texte vor, am Ende stimmt das Publikum über den Sieger ab.

Zuvor hatten die Nachwuchslyriker das Thema im Unterricht besprochen und bei einem zweitägigen Workshop mit Slammer-Schwergewicht Florian Cieslik gelernt, von Sprache ausgiebig Gebrauch zu machen. Der 37-Jährige ist hauptberuflicher Slammer. Seit 2000 nimmt er regelmäßig erfolgreich an Poetry Slams im In- und Ausland teil, ist Organisator des Kölner Slams „Reim in Flammen“ und gibt Workshops, in denen er unter anderem mit Schülern arbeitet.

Für die meisten Schüler ist es die erste Begegnung mit dem Dichterwettstreit, der ein merkwürdiges Zwitter-Dasein fristet. Während Poetry Slams in größeren Städten immer populärer werden und inzwischen vielerorts große Hallen füllen, gibt es gleichzeitig viele, die noch nie davon gehört haben.

Poetry Slam an der Leibnizschule

In einem Poetry Slam-Workshop lernen Schüler der Leibnizschule die hohe Kunst des Dichtens. Anschließend tragen die Nachwuchslyriker ihre Werke vor.

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Für Sina und Laura geht es gleich auf die Bühne. Sie sind aufgeregt. „Vorher haben wir im Unterricht ,Emilia Galotti’ gelesen, da ist das schon was anderes“, finden die Elftklässlerinnen. Überrascht gewesen seien sie über die Vielfalt des Möglichen. „Man kann Gedichte oder auch einen Rap schreiben, ernste Themen ansprechen oder die Leute auf den Arm nehmen“, erzählt der 15-jährige Kai.

Das Themenspektrum der Jugendlichen ist an diesem Nachmittag tatsächlich sehr vielfältig: Während Sina von einem aufdringlichen Verehrer berichtet, zollt das Team Pixelslammer klassischen Digitalpionieren wie Super Mario und Tetris Tribut. Florian Cieslik gehe es dabei nicht darum, „Freizeitgoethes entstehen zu lassen“. Ihm sei wichtiger, „dass die Jugendlichen ihre Gedanken mal zu Papier bringen und Schreibanlässe finden“. Ziel ist, bei den Schülern einen Aha-Effekt zu erzielen. „Man erlebt immer wieder, dass die graueste Maus auf einmal aufblüht“, so Cieslik.

Lehrer Matthias Schaefer ist mit den Ergebnissen zufrieden: „Zum Teil sind da wirklich interessante Texte entstanden“, findet er. Zumal man von den Schülern auf diese Weise auch mal etwas anderes zu hören kriege als im Unterricht. „Hier geht es schließlich nicht um Rechtschreibung oder Zeichensetzung.“

Nachwuchs-Slammer Lukas hat die Einheit zwar Spaß gemacht, fortsetzen will er die Schreiberei aber nicht. „Da hab ich gar nicht die Zeit zu“, sagt der 16-Jährige, greift seine Jacke und entschwindet zusammen mit den anderen zur Tür.

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