Moderne Plünderer

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Täuschend echt: Mit Karteneinzug und falscher Tastatur gelangen Verbrecher an Kartendaten und Geheimnummer.

Der eilige Bankkunde merkt nichts davon, dass er gerade ausgeplündert wird: Karte in den Schacht, Geheimzahl eingeben, Geld abheben. Von Ralf Enders

Doch quasi noch während er die Scheine in der Geldbörse verstaut, heben Verbrecherbanden mit seinen Daten und seiner Geheimzahl aus dem Ausland Geld von seinem Konto ab. Mit einem Mini-Lesegerät am Türöffner oder am Karteneinzug kopieren sie den Magnetstreifen; an die Geheimzahl kommen sie über eine zweite Tastatur oder eine kleine versteckte Kamera. Skimming heißt die Betrugsmasche, und die Fälle im Rhein-Main-Gebiet sind drastisch gestiegen.

Der Begriff Skimming kommt aus dem Englischen und bedeutet Absahnen oder Abschöpfen. Prinzipiell beschaffen sich die Verbrecher bei der Betrugsmethode illegal die Daten von Bankkarten und die Geheimnummern (PIN) der Kunden. Dabei gibt es verschiedene Varianten. Die gängigste ist es, ein kleines Lesegerät samt Speichereinheit (Skimmer) auf dem Karteneinzugsschlitz des Geldautomaten anzubringen. Aber auch an den Türöffner der Banken setzen die Täter zusätzliche Lesegeräte auf. Die „abgesahnten“ Daten kopieren sie auf Blankokarten (White Plastic). An die Geheimnummer der Kunden gelangen die Verbrecher durch kleine Funk-Kameras direkt am Automaten, aber auch in Rauchmeldern oder Deckenverkleidungen. Üblich sind mittlerweile auch baugleiche Tastaturmasken, die auf die Original-Tastatur gesetzt werden. Sind Daten und Geheimzahl im Besitz der meist osteuropäischen Täterbanden, räumen sie Minuten später aus dem Ausland das Konto leer. Die Kunden merken den Betrug meist erst, wenn sie ihre Kontoauszüge kontrollieren oder die Bank auf die Überziehung des Dispo-Kredites hinweist.

Trost für die Opfer: Wenn sie nicht grob fahrlässig gehandelt haben, ersetzt die Bank den Schaden.

Gleichwohl haben sie eine Menge Ärger. Bundesweit ist die Zahl der Skimming-Angriffe in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Das Bundeskriminalamt verzeichnete 2008 etwa 2 400 Fälle - 2007 waren es noch 1 349. Die Frankfurter Polizei registrierte allein seit August elf Betrügereien, zumeist an stark frequentierten Geldautomaten in der Innenstadt.

In Stadt und Kreis Offenbach ist die Fallzahl gesunken

Im Bereich des Polizeipräsidiums Südosthessen mit Sitz in Offenbach verzeichnen die Ermittler ebenfalls einen Anstieg. Der ist nach Auskunft von Polizeisprecher Henry Faltin jedoch fast ausschließlich in Hanau zu beobachten. Dort sind allein in diesem Sommer 70 Kunden einer Bank zu Opfern der Betrüger geworden. Der Schaden beträgt 160000 Euro. In Stadt und Kreis Offenbach ist die Fallzahl dagegen gesunken. Faltin: „Das kann aber bald wieder anders sein, es kommt darauf an, wo die Banden gerade zugange sind.“

Hier gibt‘s Tipps zum Schutz vor Skimming!

Die Ermittler des Präsidiums Südhessen in Darmstadt konnten im Juni 250 Skimming-Taten im westlichen Kreis Darmstadt-Dieburg mit einem Schaden von 250000 Euro aufklären und zwei Tatverdächtige aus Rumänien festnehmen. Pressesprecher Karl Kärchner erläutert an diesem Fall die Internationalität und Professionalität der Gauner: „Die Daten wurden zur Geldabhebung in Bulgarien, England und Italien genutzt. Während sich die einen um die Beschaffung der Hardware bemühten, kümmerten sich die anderen um die Anbringung der Lesegeräte und Kameras. Die Dritten wurden mit den Duplikaten ins Ausland geschickt. Dort holten sie das Geld aus den Automaten, um es an die Hintermänner weiterzugeben.“

Was tun gegen die fiese Masche? Die Kunden sollen vor allem aufmerksam sein und sind es auch: In den aktuellen Frankfurter Fällen wurden die Manipulationen rund um die Alte Oper mehrmals entdeckt und der Polizei gemeldet. Deren Sprecher André Sturmeit: „Hier zahlt sich die Sensibilisierung der Bevölkerung durch Veröffentlichung dieses zunehmenden Kriminalitätsphänomens in den Medien aus.“

Auch die Banken stehen in der Pflicht

Die Banken stehen ebenfalls in der Pflicht: Einige setzen bereits auf Anti-Skimming-Aufsätze für den Kartenleser. Die markanten Apparaturen machen das Kopieren der Magnetstreifen von Bankkarten unmöglich. Eine Möglichkeit, die die Institute noch viel zu selten nutzen: Experten schätzen, dass gerade einmal 20 Prozent der mehr als 50 000 deutschen Geldautomaten mit den etwa 1 000 Euro teuren Geräten ausgerüstet sind. Nicht nur der Bundesverband der Verbraucherzentralen fordert deutlich mehr Anstrengungen der Kreditinstitute.

Die warten noch ab. Der Bundesverband Deutscher Banken setzt auf die europaweite Einführung des sogenannten EMV-Chips Ende nächsten Jahres, der den leicht zu manipulierenden Magnetstreifen auf allen EC- und Kreditkarten ersetzen soll. Viele Karten haben den Chip bereits - aber auch noch die Schwachstelle Magnetstreifen. Der Chip schützt die darin gespeicherten Daten ziemlich sicher gegen Verfälschung und Kopieren.

Das Problem ist freilich auch den Kreditinstituten seit Jahren bekannt. Zuletzt hat die Innenministerkonferenz im November 2008 die Banken und Sparkassen aufgefordert, stärker gegen die immer häufiger auftretenden Betrüger vorzugehen. Doch die Banken schreckten offenbar vor dem Aufwand zurück, die Geldautomaten - sie kosten bis zu 35 000 Euro - und die Karten für 3 Euro das Stück auf das sichere System umzurüsten. Schließlich geht es um bundesweit 90 Millionen Geld- und EC-Karten und 23 Millionen Kreditkarten.

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