Vom Moos und rollenden Steinen

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Dekan Michael Kunze las den Psalm 139 vor. Nicht nur Buchhändlerin Helma Fischer spendete Beifall.

Offenbach - (vs) An Schönheit und Atmosphäre eines Vorleseabends reicht kein Fernsehprogramm heran. So wurde die Veranstaltung „Offenbacher lesen Gedichte“ zum Welttag des Buches im Bücherturm erneut zum Genuss für Leser und Zuhörer.

Kein Platz blieb unbesetzt, als 13 Offenbacher aus ihren liebsten literarischen Werken vorlasen. Helma Fischer, Geschäftsführerin der Steinmetz’schen Buchhandlung, führte durch das Programm. Wieder war es ihr gelungen, Menschen verschiedener Berufsgruppen zu gewinnen, die frei nach dem Motto „Am rollenden Stein wächst kein Moos“ (Oskar Kokoschka) Gedichte oder Werkausschnitte vortrugen, zu denen sie eine besondere Bindung haben.

Den Anfang machte Ethnologin Dr. Gudrun Bucher, die ihre Dissertation über Sibirien schrieb und mehrmals die Antarktis besuchte. Sie las einen Ausschnitt aus Robert F. Scotts Tagebuch „Letzte Fahrt“, das von den Strapazen seiner Südpolreise erzählt und der plötzlichen Wertlosigkeit seines Lebensziels, als er erfährt, dass Amundsen vor ihm den Pol erreichte. Schon dieses eindringliche Werk aus der Kälte bereitete Gänsehaut.

Die Musikwissenschaftlerin Birgit Grün gab zu, fürs Lesen nicht so viel Zeit zu haben, wie sie gern hätte. Doch die interessanteste Lektüre seien für sie sowieso Originaldokumente aus der Musikgeschichte Offenbachs. Kunsthistoriker Dr. Marcus Frings, ehemals Leiter des Rosenheim-Museums, stellte das wunderschöne Gedicht „Über die Seele“ der polnischen Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska vor. Er findet es wegen seines lakonischen Tons reizvoll.

Paula Kuhn, studierte Germanistin und Literaturwissenschaftlerin, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Offenbach mehr Menschen mit Migrationshintergrund für Hochliteratur zu begeistern. Für Sonntag, 10. Mai, hat sie eine mehrsprachige Vorleseveranstaltung organisiert. Sie trug „Wenn sie mir das Richtige nennen“ von Meret Oppenheim vor. Ihr folgte Dr. Thomas Regehly mit François Villons „Lästerlichen Balladen“ in einer Nachdichtung von Paul Zech. Regehly ist im Vorstand der Schopenhauer-Gesellschaft tätig. „Auferstehung“ von Marie Luise Kaschnitz las die Journalistin Wiebke Rannenberg. Sie kannte das Gedicht aus dem Religionsunterricht. Religiös blieb es mit Michael Kunze, katholischer Dekan in Offenbach. Er trug den Psalm 139 vor und gab zu, neben dem Buch der Bücher gern historische Romane und Krimis zu lesen.

In der Pause sowie vor und nach der Veranstaltung wurde das Publikum musikalisch verwöhnt von Elena Olenchyk und Valerij Kisseljow. Das Erfolgsduo „Opus 1“ spielte furios Mandoline, bis eine Saite riss. Literarisch ging es weiter mit dem ehemaligen Büchereileiter Ernst Buchholz. Er gab gleich zwei Gedichte zum Besten, „Abend“ (1650) von Andreas Gryphius und „Erinnerung an die Marie A.“ von Bertolt Brecht. „Früher ist Lyrik nicht mein Ding gewesen“, gestand er, „aber diese beiden Gedichte haben mich überfallen und nicht mehr losgelassen.“

Auch Mascha Kaléko ist eine Poetin, die manchen nicht mehr loslässt. Frauenbeauftragte Karin Dörr las aus ihren Gedichten „Zeitgemäße Ansprache“ und „Einmal sollte man“. Eine erklärte „Nicht-Literatin“ war ebenfalls dabei: Annette Laier von der Kaffeerösterei. „Lesen? Ich lese nur im Internet!“, bekannte sie vorab. Fischer ließ jedoch nicht locker, und als Laier kein geeignetes Stück zum Vorlesen einfiel, hörte sie im Radio „Dein Leben“ der Gruppe Söhne Mannheims. „Ein schöner Text, der zum Motto passt“, befand sie - und gab die Strophen sehr gekonnt zum Besten.

Den lustigsten Teil des Abends bescherte Dankwart Samel von der Kalligrafie-Schreibwerkstatt Klingspor. Er wählte eine originelle Autorin: Nora Clormann-Lietz mit „Ein Adamsapfel wächst nicht im Garten“ und „Langeweile? Tu was!“ Hafize Celik, die junge türkischstämmige Rektorin der Humboldtschule, machte sich mit dem türkischen Dichter Yüksel Pazarkaya „Gedanken über die Rückkehr“. Sie wählte das Gedicht aus, weil sie darin ihre Kindheit wiedergespiegelt sieht.

Zum Schluss ging der Schirmherr, Oberbürgermeister Horst Schneider, ans Pult. Bei der Auswahl seiner Bücher lasse er sich gern von seiner Frau beraten, verriet er. Zuletzt habe er „Alle sieben Wellen“ von Daniel Glattauer gelesen. Für die Veranstaltung habe er sich jedoch gezielt für eins von Erich Kästners Gedichten entschieden: „Lob des Einschlafens“.

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