Mordinstrument im Piano

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Richter Manfred Beck muss herausfinden, ob ein Waffenhändler mittleren Kalibers vor ihm sitzt oder nur ein geläuterter Waffennarr. Er hatte ein amerikanisches Sturmgewehr vom Typ M16 in seinem Besitz - siehe Foto.

Offenbach ‐ Kriminalfälle, denen selbst der begabteste Drehbuchschreiber kein haarsträubendes Element mehr hinzufügen könnte, sind vor dem Offenbacher Schöffengericht eher selten. Aber es gibt sie. Von Marcus Reinsch

Und einer wird seit gestern verhandelt. Richter Manfred Beck muss herausfinden, ob ein Waffenhändler mittleren Kalibers vor ihm sitzt oder nur ein geläuterter Waffennarr. Indizien gibt es für beide Theorien, und nach jedem einzelnen Element, das Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) recherchiert haben, würde sich Hollywood wohl die Finger lecken.

Da ist der angeklagte Kreisbürger, Pianist, studierte Philosoph und „der Schriftstellerei“ zugetane Frank G. (Name von der Redaktion geändert). Er spielt sonntags die Orgel in drei Gotteshäusern, hat nach eigenen Angaben rund 1.000 Euro netto im Monat, zog vor einigen Monaten aber weit schlimmere Register der Geldbeschaffung.

Denn da sind auch Teile einer Maschinenpistole, die G. in seinem Klavier versteckte. Da ist der Munitionsfund im elterlichen BMW-Geländewagen. Da sind das vollautomatische amerikanische Sturmgewehr, Modell M16, und ein italienischer Taschenrevolver „Bernadelli 68“, die G. an einen mehr als dubiosen polnischen Waffensammler verkaufen wollte, als ihn die BKA-Fahnder erwischten.

Polnische Polizei bekam Wind von Waffengeschäften

Da sind nun also auch die Anklage wegen Verstößen gegen Waffengesetz und Kriegswaffenkontrollgesetz - und viele offene Fragen. Beispielsweise die, welche Rolle ein polnischer Autohändler, ein mittlerweile toter Mediziner, zwei Revolver im französischen Ferienhaus der Familie G. und ein Geschäftspartner mit einem Faible für Nacht-sichtgeräte spielten.

Auf G.s Spur hatten sich die deutschen Ermittler gesetzt, weil polnische Kollegen Wind von illegalen Waffengeschäften bekommen und über einen Verbindungsmann in Warschau Alarm beim BKA geschlagen hatten. G. wurde observiert, sein Telefon abgehört. So entstanden Mitschriften von Gesprächen, in denen sich G. und ein polnischer Bekannter vielleicht über den Export von Gebrauchtwagen, vielleicht aber auch über den Verkauf illegaler Waffen verständigten. So genau weiß das bis heute niemand; das BKA vermutet aber, dass mit „ein amerikanische Auto“ eher eine automatische Waffe amerikanischer Herkunft als ein Chrysler gemeint war.

So sieht das amerikanische Sturmgewehr vom Typ M16 aus.

Mindestens einmal ging es ohne Zweifel um Mordgerät. Für Sturmgewehr, Taschen- und Maschinenpistole hat G. Erklärungen abgeliefert. Vom M16 habe er anfangs nur wenige illegale Teile wie den Lauf besessen, geschenkt von einem US-Soldaten, und dann („…der Basteltrieb“) den Rest zugekauft, „bis das Ding komplett war“. Die Bernadelli, „ein ganz kleines Pistölchen“, habe er vor Jahren von einem Bekannten aus dem Schützenverein übernommen, dem er mittlerweile nicht mehr angehört. Und das Paket mit den Teilen der Maschinenpistole, Anfang 2009 von einem befreundeten Doktor bei ihm untergestellt, habe er nach dessen Tod behalten, weil „seine Frau sehr, sehr allergisch auf dieses Hobby war“.

Er will alles an die Behörden übergeben

In der Offerte seines polnischen Bekannten, die Objekte an einen angeblichen Sammler zu vermitteln, habe er die Chance gesehen, „die illegalen Waffen loszuwerden und mich nur noch auf meine legalen zu konzentrieren.“ Das fällt nun flach. G. besaß bisher zwar ein ganzes Waffenarsenal mit passenden Genehmigungen.

Doch er will alles an die Behörden übergeben und nach „meiner einmaligen Entgleisung“ nichts mehr damit zu tun haben. Allein: Das Ende der Geschichte ist noch nicht geschrieben; die Verhandlung wird Mitte Mai fortgesetzt. Ein Happy-End ist unwahrscheinlich. Der Angeklagte hat die Vorwürfe gestanden und von Beck einen Schuss vor den Bug zu erwarten. Mindestens.

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