Im Morgenrock vorm Richter

Offenbach - Die Geschichte, die vor dem Offenbacher Schöffengericht endete, hatte schon ungewöhnlich angefangen. Von Marcus Reinsch

Es war September vergangenen Jahres, als ein Offenbacher Kaufhausdetektiv über die Videoüberwachung beobachtete, wie sich eine Frau in der Kosmetikabteilung großzügig selbst bediente.

Ihre Variante des Ladendiebstahls: abenteuerlich. Sie öffnete einen Lippenstift, brach ihn ab, ließ das Bruchstück in ihrer Handtasche verschwinden. Sie formte aus Papier einen Trichter und füllte Nagellack in eine mitgebrachte leere Flasche um. Und als sie vom Kaufhausdetektiv in dessen Büro gebeten wurde, erklärte sie ihre Beutestücke zu legal eingesackten „Produktproben“, verbat sich jede weitere Belästigung und ging. Letzteres allerdings nur bis zum Ausgang des Kaufhauses. Dort trat die 56 Jahre alte Rumänin dem eine gänzlich andere Rechtsauffassung vertretenden Detektiv mit Ansage ans Knie, um gleich danach der alarmierten Polizei in die Arme zu laufen.

Keine hochwertige Kosmetik mit Hartz IV

Zum ersten von Richter Manfred Beck anberaumten Termin erschien sie allerdings nicht. Sie ließ nur ausrichten, dass sie dazu nicht verpflichtet sei. Beck sah das anders und ordnete für einen neuen Termin ihre Vorführung an. Als eine, wohl schon in Erwartung von Widerstand aus einer Polizistin und einem Polizisten zusammengesetzte, Streife die Frau abholen wollte, erklärte die auch den Beamten, sie müsse nicht mitkommen, da das gesamte Verfahren rechtswidrig sei. Erst nach langem hin und her erklärte sie sich trotzig bereit, vor den Richter zu treten – im Morgenmantel.

Im Amtsgericht stellte sich heraus, dass die Frau geschieden worden, aus ihrer Ehe aber noch einen gewissen Wohlstand gewöhnt war. Da sie sich die hochwertigen Kosmetika mit Hartz IV nicht leisten konnte, war sie auf die Idee gekommen, sich am so genannten Probenstand maßlos zu bedienen.

Sechs Monate Haft auf Bewährung

Dass Richter Beck und die Schöffen letztlich trotzdem nicht entscheiden mussten, ob das übermäßige Mitnehmen von Proben strafbar ist, war einem für die Angeklagte vielleicht tatsächlich überraschenden Umstand zu verdanken: Sie hatte Lippenstift und Nagellack gar nicht vom Proberegal mitgenommen, sondern vom Verkaufsregal.

Für diesen räuberischen Diebstahl in einem minderschweren Fall gab’s sechs Monate Haft auf Bewährung. Die Chancen stehen gut, dass sich die Frau nun an die Gesetze halten wird. Falls nicht, muss sie ins Frauengefängnis. Und da gehört Schminke erst recht nicht zur Grundausstattung.

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