Nur noch der Müll stinkt

+
Im Führerhaus des Hybrid-Müllfahrzeuges wartet Fahrer Henry Kowoll geduldig, bis die Entsorgungsmitarbeiter Giuseppe Famularo und Markus Müller den Abfallcontainer entladen haben.

Offenbach - Da hat man endlich mal einen wohlverdienten freien Tag, und dann wird man um kurz nach sechs Uhr in der Frühe von einem lautem Motorengeräusch aus dem Schlaf gerissen. Aus der Traum – die Müllabfuhr hat den Schönheitsschlaf abrupt beendet. Von Alexander Kroh

Was ein herkömmlicher Motor außer Leistung produziert, ist auch unangenehm für die Entsorgungsmitarbeiter, die die Container und Mülltonnen entleeren müssen. Zu den selten wohlriechenden Ausdünstungen gesellt sich der Gestank von Abgasen der dieselbetriebenen Fahrzeuge. Dass es auch anders, sauberer und vor allem leiser geht, beweist ein Pilotprojekt des Offenbacher Stadtdienstleisters ESO.

Für den ESO ist ein hybridbetriebenes Müllfahrzeug im Einsatz. Die Vorteile dieser Kombination aus Elektro- und Verbrennungsantrieb: Das Fahrzeug stößt rund 30 Prozent weniger Kohlenstoffdioxid in die Offenbacher Stadtluft. Auf hundert Kilometer spart es im Vergleich zu den 15 herkömmlichen Müllfahrzeugen des ESO über 35 Liter Sprit ein. Und der Hybrid ist obendrein gut 15 Dezibel leiser.

Da drängt sich die Frage auf, warum der ESO mit seinem Fahrzeugbestand nicht komplett auf die neue Hybridtechnik umsteigt. ESO-Sprecher Oliver Gaksch: „Wirtschaftlich betrachtet ist eine komplette Umrüstung der Flotte noch zu teuer.“

Ein weiteres kleines Manko: Der Hybrid verfügt über ein geringeres Fassungsvermögen. Statt 11,7 Tonnen Müll, die ein herkömmliches Fahrzeug schluckt, packt der Hybrid nur rund zehn Tonnen. Das bedeutet für die Entsorgungsmitarbeiter an manchen Tagen einmal zusätzlich Abladen – also längere bezahlte Arbeitszeiten. Betriebstechniker Reiner Hembt ist dennoch außerordentlich zufrieden mit dem Hybridfahrzeug. Auch weil es anstatt der gängigen Hydrauliktechnik zum Komprimieren der Müllmenge eine „Drehtrommeltechnik“ nutzt.

Leise und ohne Abgase

Mit der wird der Müll im Innern des Fahrzeugs nicht zusammengepresst, sondern in einem sich drehenden Zylinder zerkleinert, der schneckenförmig zum Fahrerhaus hin immer enger wird. Und auch beim Kipper, der die Mülltonnen hinten in den Wagen entleert, kann auf die empfindliche und anfällige Hydraulik verzichtet werden – er funktioniert elektrisch.

Im Führerhaus hört man fast keine Eigengeräusche des Fahrzeugs. „Sehr angenehm“, urteilt Fahrer Henry Kowoll, und die beiden Befüller Giuseppe Famularo und Markus Müller vermissen die Abgase auch nicht gerade.

Wie die gekoppelte Hybridtechnologie am restlichen Fahrzeug funktioniert, erläutert Techniker Hembt: Ein 290 PS starker Dieselmotor liefert die nötige Energie für das Anfahren des Fahrzeugs. Von Mülltonne zu Mülltonne fährt der Hybrid elektrisch. Mit jedem Bremsvorgang wird Energie erzeugt. Während eines Halts lädt diese Energie die Akkus wieder auf, die sich in der so genannten Powerbox hinter dem Führerhaus verbergen.

Klingt kompliziert? Ist es auch, weshalb anfänglich immer wieder kleinere technische Schwierigkeiten aufgetreten sind. Inzwischen aber laufe der Hybrid zuverlässig und sammle pro Monat zwischen 530 und 580 Tonnen Müll, sagt ESO-Sprecher Gaksch. 310 000 Euro wurden in das Müllfahrzeug investiert. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung unterstützte das Projekt finanziell. „Auf dem Gebiet wird ausgiebig geforscht, die Technik entwickelt sich immer weiter – langfristig wird sich die Technologie durchsetzen“, ist Gaksch überzeugt. Wenn es soweit ist, ist der ESO zumindest schon darauf vorbereitet.

Und während der Hybrid seine Tagestour weiterfährt, blickt Gaksch schon kritisch auf die Bäume am Straßenrand: „Bald beginnt auch wieder die Laubsaison.“ Einen leisen hybridbetriebenen Laubbläser aber gibt es leider noch nicht...

Kommentare