EVO investiert 25 Millionen Euro

Backpulver im Müllheizkraftwerk sorgt für reine Luft

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Offenbach - Gut 25 Millionen Euro investiert die Energieversorgung Offenbach in eine neue Technik fürs Müllheizkraftwerk. Als 1970 die Anlage an der Dietzenbacher Straße gebaut wurde, ging es vor allem um die Reduzierung des Müllvolumens. Das ist längst passé. Von Martin Kuhn

Inzwischen genießt die Energiegewinnung oberste Priorität. Was wir wegwerfen, wandelt die EVO in Strom und Fernwärme um. Man kann’s nicht anders sagen: Es stinkt. Faulig-süß. „Ich riech’ nichts“, behauptet zwar Markus Gegner, Leiter Produktion der EVO, als er an einer der drei Abwurfschleusen steht. Doch die nicht endende Zufuhr an Müll bringt eine penetrante Geruchsspur mit sich. Mit den Journalisten blickt er durch den müffelnden, Fußballtor-großen Schlund auf die oberste Lage: „Das übliche – Holz, Plastik, Windeln.“ Fehlt ja nur noch... „Sagen Sie bloß nichts! Eine Leiche hatten wir glücklicherweise noch nicht“, sagt Gegner. Nur einmal ist ihm doch mulmig geworden, als ein Arm aus dem Müll ragte. „Es war aber nur eine Schaufensterpuppe.“ Es ist eine Anekdote aus jener Zeit, als die EVO die Anlage übernommen hat. Das war 1999. Seinerzeit nicht für den symbolischen Euro, sondern für viel Geld: 122 Millionen Mark. Jetzt wird die größte Einzelinvestition des Energieversorgers an der Dietzenbacher Straße fällig: 25 Millionen Euro für eine Turbine und eine Rauchgasreinigung. Gut angelegte Gelder? „Unbedingt“, sagt Heike Heim. Die Vorstandsvorsitzende wertet dies als „strategische Investition“.

Markus Gegner, Leiter der Produktion, öffnet das Schauglas und kontrolliert das gut 850 Grad heiße Feuer.

Bedeutet: Wenn die EVO aus Müll mehr Fernwärme und Strom gewinnt, senkt sie den Verbrauch fossiler Brennstoffe – in diesem Fall Steinkohle. Das kommt nicht nur der Umwelt zu Gute. „Als Wirtschaftsunternehmen tätigen wir keine Investitionen, von denen wir uns keinen positiven Wertbeitrag erhoffen“, formuliert Heim. „Mehr Strom aus Müll“, titelt folgerichtig die EVO in einer Mitteilung. Im Rundgang mit Markus Gegner wird das etwas anschaulicher. Der Ingenieur sieht und riecht keinen Müll, Unrat, Abfall oder wie auch immer die Hinterlassenschaften der Industriegesellschaft zu bezeichnen sind. Nein, er sagt: „Ich erkenne Energiepotential!“ Er hat es sich mit seinem Team zur Aufgabe gemacht, davon möglichst viel aus den 250.000 Tonnen Müll zu holen, die jedes Jahr an der Dietzenbacher Straße angeliefert werden. Das sind bis zu 100 Müllfahrzeuge pro Tag, die das nie erlöschende, 850 Grad heiße Feuer in den drei unabhängigen „Produktionslinien“ speisen. Die Hitze verschlingt alles, zunehmend auch Gewerbemüll wie etwa Bodenbeläge: „Da steckt richtig viel Power drin.“

Das erklärt ferner die Umfirmierung von der ursprünglichen Müllverbrennungsanlage zum aktuellen Müllheizkraftwerk. Als Ende der 60er Jahre Deponienräume knapp wurden, lautete die Prämisse: Volumenreduzierung. Heute ist’s ein Nebeneffekt der Energiegewinnung. Auch mit dem oft gepriesenen Recycling mag sich Gegner nicht anfreunden: „Da muss man teils viel Energie reinstecken.“ An der Dietzenbacher Straße macht man’s andersrum: Erst verbrennen und Energie gewinnen, dann Metall rausziehen. „Es ist doch mühsamer, eine Tonne Müll zu durchsuchen als 200 Kilo Schlacke“, findet Gegner. So viel bleibt nach der thermischen Verwertung in etwa von der Ursprungsmenge übrig. Und der Metallanteil sei letztlich identisch, „bei uns allerdings gereinigt“.

Bilder: So sieht es im Müllheizkraftwerk aus

Damit die zitierte Energie-Gleichung aufgeht, wird zum einen die neue Rauchgasreinigungsanlage installiert. Ein Vorteil: Der Eigenverbrauch der Anlage sinkt, da die Gase nicht zunächst abgekühlt und nach der Reinigung für die erforderlichen 140 Grad am Kamin wieder erhitzt werden müssen. Die so frei werdende Energie geht ins Fernwärmenetz, an dem mehr als 2000 Kunden und (über Wohnbaugesellschaften) deutlich mehr Haushalte in Stadt und Kreis hängen. Zudem verdoppelt eine hocheffiziente, 19 Megawatt starke Dampfturbine die Stromabgabe ins Netz von aktuell 40.000 auf nahezu 90.000 Megawattstunden jährlich. Hört sich kompliziert an, abseits technischer Details fasst es EVO-Technikvorstand Günther Weiß kurz: „Einfacheres Verfahren, besseres Ergebnis.“

Erfolgte die Rauchgasreinigung bislang mit einem „nassen Verfahren“ mit diversen Säuren, filtert die EVO bald „trocken“ mit Natriumbicarbonat, das jeder Hobbykoch als Backpulver nutzt. Fein eingedüst bindet es künftig die Schadstoffe, die als Asche in Silos landen – dem einzigen Teil der Anlage, der bereits installiert ist. Warum nicht gleich so? „Die Technik hat sich in den vergangenen Jahren entscheidend entwickelt, kommt von den Hochschulen am Markt an.“ Die Arbeiten haben im April nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit begonnen und dauern bis zum Herbst 2016. Das geschieht unter laufendem Betrieb oder während der planmäßigen Revision. Dann geht unser Müll auf Reisen. So wie jüngst der Straßburger. Annähernd 1000 Tonnen wurden aus dem Elsass an die Dietzenbacher Straße gefahren. Die Kapazitäten gaben das her, wenngleich der lokale Müll Vorrang hat...

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