Müllsünden der Vorfahren

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Vor vielen Vier- und einigen Zweibeinergenerationen war der heutige Hunderennplatz im Bürgeler Mainbogen vermutlich eine Mülldeponie.

Offenbach ‐ Dass da mal einer was verbuddelt hat auf diesem weitläufigen Gelände im Mainbogen, das steht hundertprozentig fest. Ist ja immerhin ein Hundeplatz. Für Kauknochen und Stöckchen wird sich das Offenbacher Umweltamt allerdings nicht interessieren, wenn es demnächst eigene „Schnüffler“ nach Bürgel schickt. Von Marcus Reinsch

Für wirklich gefährliche Stoffe dafür umso mehr: Schwermetalle und anderes, das im Boden nichts zu suchen hat und im Grundwasser schon gar nicht. Zu klären ist der sehr konkrete Verdacht, dass das Areal - auf dem heute vor allem die Windhunde und beim großartigen Jederhundrennen auch mal die Dackel rennen dürfen - früher eine Deponie gewesen ist.

Früher, das heißt „etwa Beginn des 20. Jahrhunderts“, wie Hartmut Luckner sagt. Luckner ist stellvertretender Chef im Umweltamt und quasi der lokale Logistiker der vom Regierungspräsidium (RP) Darmstadt geforderten und geförderten Mission, in seinem Beritt „möglichst viele kommunale Altlasten zu erfassen, zu untersuchen und soweit nötig zu sanieren“.

Jahrzehnte wurde Unerwünschtes einfach in die Pampa gekippt

Dass, was auch immer in der Mainbogen-Erde stecken könnte, eine solche kommunale Altlast wäre, daran besteht kein Zweifel. Denn vor 100 Jahren war es mit dem amtlichen Umweltbewusstsein noch nicht weit her. Lange Jahrzehnte wurde Unerwünschtes einfach in die Pampa gekippt.

Herauszufinden, wie die das verkraftet hat und ob heute noch Gefahren schlummern, ist ein Job für Detektive. Die Ingenieure des Büros, das den Auftrag von der mit 20.900 Euro RP-Zuschuss ausgestatteten Stadt bekommen wird, nennen sich zwar nicht so. Aber sie arbeiten ähnlich - wobei Detektive meist den Vorteil haben, den Taten Lebender nachzuspüren.

So einfach haben es die Altlastenermittler nicht. Die Augenzeugen von der vorletzten Jahrhundertwende sind längst selbst unter der Erde. Nachfahren, die sich noch an die Deponie oder deren Reste erinnern - schwer aufzutreiben. „1951 gab es dort mal Beschwerden über eine Geruchsbelästigung. Ob die mit einer Deponie zusammenhingen, ist allerdings nicht mehr feststellbar“, sagt Luckner. Aber vielleicht lassen sich noch Unterlagen im Stadtarchiv aufstöbern. Dokumente, die bestätigen, dass auf dem Areal tätsächlich nur Bauaushub, Hausmüll und Straßenkehricht abgeladen wurde. Das wäre gut, weil, wie Hartmut Luckner formuliert, „eine Hausmülldeponie meistens nicht problematisch ist“. Das sei wahrscheinlich auch im konkreten Fall so.

Gibt es kein Problem, ist alles gut

Allein: Ein „Wahrscheinlich“ reicht unterm Strich nicht. Deshalb steht nun die sogenannte orientierende samt „historischer Untersuchung“ an, wohl inklusive kleinerer Bodenprobenbohrungen. Die soll, in Absprache mit dem Verein, klipp und klar bestimmen, ob es unter dem Hundeplatz ein Problem gibt oder nicht. Gibt es keins, ist alles gut. Sind innerhalb einiger Wochen gewonnene Erkenntnisse und Werte aber wider Erwarten alarmierend, folgt eine Detailuntersuchung. Die dauert leicht einige Jahre, dokumentiert die Entwicklung der Belastung und könnte dazu zu führen, dass das Umweltamt über eine der beiden Klassiker der Altlastensanierung nachdenken muss.

Einer besteht aus einer dicken Schicht Muttererde, die mehr unbelasteten Abstand zwischen den Windhundrennverein und die Unzulänglichkeiten des von ihm gepachteten Bodens bringt. Sowas kommt immer dann in Frage, wenn die Schadstoffe im Boden nicht „arbeiten“ und so das scharf überwachte Grundwasser gefährden.

Grundwassermonitoring der EVO

Der andere Weg ist der Austausch des Bodens, was aufwändig ist und teuer und für das Vereinsgelände insofern unwahrscheinlich, als dass die große Sanierungskanone üblicherweise nicht auf Belastungsspatzen gerichtet wird. Sanieren oder nicht, das hänge letztlich immer davon ab, für welche Nutzung ein Areal bestimmt sei, erklärt Luckner. Der Standort für eine Kindertagesstätte sei natürlich sensibler als ein brachliegendes Außengrundstück. Und der Mainbogen sei ja Überschwemmungsfläche für den nahen Fluss, da werde überhaupt nichts gebaut.

An einem anderen Offenbacher Ort ist die Altlast zwar kein Verdachtsfall mehr, weil zahlreiche Untersuchungen die Belastung nachgewiesen haben, wie die Chemikerin Irene Haas als Fachreferentin im Umweltamt erklärt. Aber auch auf dem Areal des ehemaligen Gaswerks auf dem Gelände der Energieversorgung Offenbach (EVO) an der Andréstraße müssen später wohl keine Bagger anrücken. Mit dem anstehenden, dreijährigen Grundwassermonitoring wolle man nur „sichergehen, dass das Grundwasser durch die Bodenkontamination nicht zu stark belastet ist“.

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