Museen ohne Rummel

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Petra Kamalus orientalische Tänze lockten diesmal viel Publikum ins Klingspormuseum.

Offenbach - Ein Jubiläum gelte es zu feiern, hatte Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth im Grußwort verkündet: „Die Stadt Frankfurt lädt zur zehnten Nacht der Museen.“ Nur in einem Nebensatz fand Erwähnung, dass auch Frankfurts östliche Nachbarstadt wieder ins Geschehen eingebunden war. Von Claus Wolfschlag

Von den 46 Museen und Ausstellungshallen, die den Besuchern offen standen, befanden sich immerhin vier in Offenbach.

Der Geburtstag wurde mit mehr als 100 Künstlern, Live-Performances und Workshops begangen. Und auch die Offenbacher Lokalitäten brauchten sich qualitativ nicht hinter dem Angebot des westlichen Nachbarn verstecken. Während sich in Frankfurt die Massen aber schon um 19 Uhr vor den Eingängen drängten, ging es in Offenbach geruhsamer zu. Und während sich auf dem Frankfurter Römerberg - auch bedingt durch die chaotische Organisation - riesige Schlangen vor dem Kartenstand bildeten, war es in Offenbach möglich, gemütlich durch die Sammlungen zu schlendern. Man konnte schon fast vom eigentümlichen Flair der Unentdecktheit sprechen.

Ein Beispiel für eine Auswärtige, die sich ins Deutsche Ledermuseum verirrt hatte, war Sybille aus Groß-Gerau, mittleren Alters. „Schau mal, dieser verrückte Sessel“, rief sie verzückt ihrer Begleiterin zu, während sie an den Vitrinen vorbeiflanierte. Auf die Frage, was sie in die Offenbacher Lederausstellung verschlagen hatte, antwortete sie, dass sie dort vor 40 Jahren zuletzt gewesen sei: „Wir sind jedes Jahr auf der Nacht der Museen. Und diesmal nahm ich mir vor, auch nach Offenbach zu fahren.“ Nicht alle hatten ihr folgen wollen: „In Frankfurt ist eben so viel an Angebot. Da haben sich unsere Freunde heute von uns beiden getrennt.“ Im Ledermuseum konnte Sybille diesmal leider nicht die in schwarze Kluft gehüllten Männer der Aidshilfe bewundern, die dort schon mehrfach die Getränketheke geleitet hatten. Überhaupt erschien das Programm gegenüber den Vorjahren ein wenig abgespeckt.

Auf mehreren Bildschirmen flimmerten immerhin Videoarbeiten iranischer Künstler vor sich hin. Und die Besucher konnten Snezana Golubovics fast gespenstischer Performance „Lovesteps“ beiwohnen. Golubovic posierte stumm inmitten einer Reihung unterschiedlichsten Schuhwerks. Sie stieg über und in Pumps, Sneakers sowie Flip-Flops. Angeblich handelte es sich um eine Auseinandersetzung mit „auferlegten weiblichen Rollen“ - „weiblicher Schuhfetisch“ wäre als Beschreibung treffender gewesen.

Hayko Spittel organisierte im Haus der Stadtgeschichte den Zeichenkurs „Adam und Eva“ mit zwei lebenden Modellen, die nur in Papprollen gehüllt waren.

Im nahen Rosenheim-Museum, das zugleich einjähriges Bestehen feierte, waren neben den Werken Bernd Rosenheims die Ausstellung „Gegenwarten“ mit Arbeiten von Rainer Kurka zu bewundern. Kleine Arbeiten aus Bronze spielen teils ironisch mit der Mensch-Tier-Beziehung. Vor allem lebensgroße Plastiken aus Ton beeindruckten viele Besucher aufgrund ihrer Lebensnähe und Sinnlichkeit. Fast glaubte man, die Haut der dargestellten jungen Frauen riechen zu können, wenn man sich den Bildnissen näherte. Es schien, als müssten sie sich jeden Augenblick bewegen. Eine kleine Zusatzschau zeigte Workshop-Arbeiten Offenbacher Jugendlicher: Hände, Nasen, naive Gesichter. Die Schau mit dem Namen „stark und schwach“ entstand in Zusammenarbeit der Stadt mit dem JUZ Nordend und der Jugendkunstschule. Für die musikalische Untermalung sorgten die Combo „Anormal Nordend“, bestehend aus vier lautstark rappenden Jugendlichen, und der Solo-Saxophonist Jan Beiling.

Ebenfalls eher geruhsam ging es im Haus der Stadtgeschichte zu. Die grafische Werkstatt führte erneut die Buchdruck-Stangenpresse vor. Ursula Illert rezitierte vor etwa 15 Zuhörern Mundarttexte Bettine Brentanos. Schmunzelnd lauschte dabei auch das Gitarrenduo Heike Matthiesen und Holger Lützen, die die kleine, nette Veranstaltung mit kammermusikalischen Stücken abrundeten. Hayko Spittel organisierte einen Zeichenkurs „Adam und Eva“ mit zwei lebenden Modellen, die nur in Papprollen gehüllt waren. Die aktuelle Kunstschau des Museums widmete sich Offenbacher Stadtrandgemälden.

Neben älteren Bildern der einstigen Bachstraßen-Gruppe wurden die Werke des Offenbacher Künstler Ralf Zoller gezeigt - Gartenhütten, Wohnwagen, Stadtrand-Wohnblocks, etwa der Hans-Böckler-Siedlung in Bürgel. Zoller nutzte die Schau für eine Performance, den Bau einer Gartenhütte in den Museumsräumen: „Ich zeige hier die Architektur des kleinen Mannes, Sehnsüchte und Träume privater Bauherren, die Landschaften durch ihr Einwirken verändern und gestalten.“

Auffällig großer Andrang herrschte hingegen diesmal im Klingspor-Museum. Dies sicher auch dank der orientalischen Tanzaufführung von Petra Kamalu, der über 70 Zuschauer beiwohnten - keinesfalls nur Männer. Eine Mitarbeiterin des Museums ist selber Schülerin bei der bewegungsbegnadeten Lehrerin für Tanzpädagogik. Museumsleiter Stefan Soltek erklärte dazu: „Schrift hat immer auch viel mit Körperlichkeit, mit Bewegung zu tun. Kamalus Tanz passt optisch sehr gut zur derzeitigen Ausstellung mit Buchillustrationen von Kai Pfankuch. Zudem haben wir diesmal das Motto ,Fließende Bewegung' gewählt.

Dieses Motto traf nicht nur auf Kamalus orientalischen Schleiertanz zu, sondern auch auf John Gerards Präsentation des Papierschöpfens im amerikanischen Wasserbad und den begeistert aufgenommenen Kalligrafie-Workshop der chinesischen Künstlerin Yu Mo Hung Umbach. Die 1947 in Hong Kong geborene und seit vielen Jahren in Weilrod im Hochtaunus lebende Künstlerin hält das Erbe der Ling Nan Schule aufrecht, einer vor etwa hundert Jahren entstandenen künstlerischen Erneuerungsbewegung, die in der Ungegenständlichkeit die Kraft des „Chi“ darzustellen versucht. Einige ihrer taoistisch orientierten Arbeiten, Texte von Laotse, werden ab 10. Mai in einer Ausstellung des Klingspor-Museums zu bewundern sein.

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