Musik in der Lagerhalle

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Von wegen außer Betrieb: In den Fredenhagen-Hallen läuft nun Band-Förderung.

Offenbach ‐ Freie Liebe, wo in einem der Vorzeigeunternehmen Offenbachs lange Jahre Förderbänder gebaut wurden? Independent-Rock statt Industriekultur? „Kommune 2010“, das erlaubt manche Assoziation. Und manchen Irrtum. Von Niels Britsch

Mit politischen Parolen und bewusstseinserweiternden Substanzen zumindest haben Dennis Weber und Joe Matthias wenig bis gar nichts zu tun, auch wenn der Name ihres Projektes ein bisschen daran erinnert. Kommune 2010 ist eine Begriffskombination aus dem Hippie-Jargon vergangener Zeiten und aktuellen Schlagworten aus der Politik („Agenda 2010“). Die Dreieicher haben sich in Offenbach in einem Gebäude auf dem Gelände der Firma Fredenhagen an der Sprendlinger Landstraße eingemietet, um eine „selbstverwaltete Proberaum-Gemeinschaft für heimatlose Musikgruppen“ zu schaffen - auch ein Tonstudio ist geplant. „Immer mehr Jugendzentren schließen, es gibt kaum noch Platz zum Musikmachen. Außerdem sind wir aus Jugendräumen rausgewachsen, trotzdem wollen wir weiter mit unseren Bands spielen“, erzählt der 27-jährige Joe Matthias.

Die beiden Musiker hatten bereits ein ähnliches Projekt verwirklicht: In der Dreieicher Kommune fanden zahlreiche Bands aus der Region vorübergehend eine Probe-Heimat - doch dort mussten sie wegen anderweitiger Nutzung weichen. Ein Jahr lang suchten Dennis und Joe nach einem neuen Standort, in Offenbach sind sie fündig geworden und haben zunächst vier Hallen des ehemaligen Fredenhagen-Lagers (siehe „Hintergrund“ auf dieser Seite) gemietet. Seit November entrümpeln, sanieren und renovieren sie. „Der ursprüngliche Zustand war eine Katastrophe.“

Neun Combos werden zunächst proben

Die selbstständigen Veranstaltungstechniker haben wegen des großen Arbeitsaufwandes für einen längeren Zeitraum keine Aufträge angenommen. „In den letzten drei Monaten war ich täglich zwischen zwölf und 14 Stunden hier und hatte nur sechs freie Tage“, erzählt Joe. „Der Baumarkt ist inzwischen mein zweites Zuhause.“ Knapp 3 000 Euro haben die musikverrückten Jungs bisher in das Projekt gesteckt, bis April wollen sie mit der Renovierung fertig sein. Momentan teilen sich sieben Gruppen „anderthalb“ Räume, darunter Bands wie „Knüppelfritze“, „Moodify“, „Airtramp“, „Royal Frenzy“ oder „Myris“ (Sieger Hessischer Rock- und Pop-Preis und Vorgruppe bei Bon Jovi).

Neun Combos werden zunächst proben, „von Akustik über Pop, Rock, Crossover und Metal sind alle Musikrichtungen vertreten“. Qualität oder Musikstil seien kein Kriterium für die Aufnahme: „Wir wollen handgemachte Musik von Vollblutmusikern, die am besten noch handwerklich begabt sind.“ Wichtig sei, dass sie menschlich in die Gemeinschaft passen, „und dass sie zu schätzen wissen, was sie hier haben“.

Keine der beteiligten Bands verdient ihr Geld mit Musik: „Für uns ist das ein Hobby und Ausgleich zum Beruf, da wünscht man sich natürlich auch ein entsprechendes Ambiente“, sagt Fredrik de Linde von der Gruppe „Action Selection“. „Das Industrieflair des Backsteingebäudes hat einen gewissen Charme. Durch den Innenausbau mit dem entsprechenden Dämm-Material ist die Akustik in den sieben Meter hohen Hallen besser als in jedem anderen Proberaum“, ergänzen Joe und Dennis. Der Vorteil an den ehenmaligen Fredenhagen-Hallen ist, dass die Bands rund um die Uhr musizieren können: „Man will ja niemanden nerven!“

Nach der Renovierung könnten weitere Räume auf dem Areal gemietet werden. „Die Kommune soll von sich aus wachsen und ein Selbstläufer werden - auch finanziell. Für Gruppen, die seit Jahren in wechselnden Proberäumen üben müssen, biete sich mit der Kommune eine neue Möglichkeit, erzählt Joe. Oft höre er den Satz: „Hier werden Träume für Musiker wahr!“

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