Offenbachs einzige Adresse für Noten und Instrumente

Musikhaus André: Musik und Geschäft verbunden

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Inhaber Hans-Jörg André in der Schatzkammer seines 241 Jahre alten Musikhauses, dem Archiv.

Offenbach - Gute Nachricht in einer Zeit, in der Innenstädte von Filialisten geprägt sind: Es gibt sie noch, die Offenbacher Traditionsgeschäfte! Acht von ihnen, die mindestens 100 Jahre alt sind, haben sich zu der Aktion „Handeln mit Seele“ zusammengeschlossen. Zum Abschluss: Musikhaus André. Von Markus Terharn 

Als Hans-Jörg André in den 60er Jahren geboren wurde, gab es sechs Musikgeschäfte in Offenbach. Heute führt er das einzige noch verbliebene. Mit dem Gründungsdatum 1. August 1774 war es ohnehin das älteste, zugleich der erste deutsche Musikverlag. Prominentester Kunde war Johann Wolfgang von Goethe. Ob Gründer Anton André geahnt hat, dass seine Firma noch den Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel ernähren würde? Und diese siebte Generation muss nicht die letzte sein: Vier Söhne hat der Mittfünfziger, den Freunde Ha-Jö nennen, mit Ehefrau Anke in die Welt gesetzt. Und er plant seinen kontrollierten Ausstieg ab 60.

Seinen Aufstieg verdankt das Haus dem Sohn seines Begründers. Johann Anton André war erst 24 Jahre alt, als er eine weitreichende Entscheidung traf: Von Wolfgang Amadeus Mozarts Witwe Constanze erwarb er den Nachlass des Komponisten. „Da war sehr risikoreich“, betont André. „Mozart war ja damals nicht en vogue.“ Sein Vorfahr, selbst als Tonschöpfer hervorgetreten, habe jedoch dessen Musik geliebt und das mit wirtschaftlichem Denken verbunden. So geschah es, dass weltberühmte Werke wie „Eine kleine Nachtmusik“ in Offenbach erstmals gedruckt wurden.

Dabei kam eine weitere Erwerbung Johann Antons zum Einsatz. Der Geschäftsmann bewies ein goldenes Näschen, als er die Möglichkeiten der noch jungen Lithografie, des Steindrucks, erkannte. Er holte den Erfinder Alois Senefelder nach Offenbach, um seine Technik dort fortzuentwickeln. So ließen Drucke sich preiswert herstellen.

„Ich muss nicht alles selbst tun“

Hans-Jörg André war erst 21, als er sich entschließen musste, ob er den von Großtante und Mutter geleiteten Betrieb übernehmen wollte. Beide besaßen keinerlei kaufmännische Ausbildung. „Sie machten mir deutlich: Wenn du nicht willst, schließen wir den Laden zu“, erinnert sich der Junior. „Ich wollte aber studieren.“ Das tat er später: Betriebswirtschaftslehre.

Um Studium und Beruf unter einen Hut zu bringen, hat André etwas fürs Leben gelernt – delegieren. „Ich muss nicht alles selbst tun“, ist sein Glaubensgrundsatz. Weil er alle Mitarbeiter selbst ausgebildet hat, weiß er, was er ihnen zutrauen kann. Und er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: „Mir gibt das Freiräume, meinen Leuten Raum für Eigenverantwortung.“

So wirkt Musik auf unseren Körper

Wären die Andrés nicht immer mit der Zeit gegangen, es gäbe das Traditionshaus wohl längst nicht mehr. „Als ich den Laden übernommen habe, hatte er eine verstaubte Atmosphäre“, erinnert sich der Inhaber. „Ich überzeugte meine Mutter davon, einen Synthesizer ins Programm zu nehmen.“ Der erste Interessent fürs Fender-Rhodes-Piano, inzwischen eine Kultmarke, war Hans-Jörg selbst: „Den habe ich mir mit Aushilfsarbeiten und vom Taschengeld erspart.“

Heute wird das meiste Geld an der Frankfurter Straße 28 nicht mehr mit Noten verdient; obwohl es die nach wie vor gibt. Musikinstrumente steuern den Löwenanteil zum Umsatz bei. Steinway-Flügel, wie Richard Wagner einen bei André erstand, sind nicht mehr im Sortiment. Dafür elektronische Klaviere, wie sie der Chef selbst gern spielt. Außerdem Blockflöte, Saxofon und Mundharmonika. Als Saiteninstrumente sowohl elektrische als auch akustische Gitarren. Schließlich Schlagzeug aller Art.

Beratung ist das A und O, sagt der Händler. Denn seine Erfahrung lehrt ihn: „Menschen wollen nicht in erster Linie ein Instrument kaufen, sondern musizieren!“ Daher der Anspruch, „für jeden das zu finden, was perfekt zu ihm passt“. Ausprobieren, sogar Ausleihen ist möglich, beim Kauf wird die Gebühr angerechnet. Unterrichtsstunden gibt’s auf Wunsch im Paket dazu. „Da sind wir klar im Vorteil gegenüber dem Konkurrenten Internet“, freut sich Hans-Jörg André. So besteht Grund zur Hoffnung, dass die Firma nach bald zweieinhalb Jahrhunderten auch die achte Generation in Lohn und Brot bringt...

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