Bewegendes um Abraham

Proben in Hainburg, Uraufführung in Offenbach

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Regionalkantor Thomas Gabriel (am Klavier) leitet – namentlich passend – die „Abraham“-Proben im Hainstädter Musikzentrum St. Gabriel. Er hat auch die Musik komponiert.

Offenbach/Hainburg - Das Offenbacher Capitol wird Ende Mai Stätte einer ganz besonderen Premiere. Unter Mitwirkung von Profis führen Jugendliche und Betreuer des Offenbacher Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrums das Musiktheater „Abraham“ auf. Von Bernadette Fisher 

Die Idee dazu stammt von Theresienheim-Leiter Peter Eckrich, dessen Bruder Martin, Kinderarzt in Bürgel, hat mit Angela Gessner das Libretto geschrieben.
Geprobt wird das Musiktheater „Abraham“ im ehemaligen Hainstädter Kloster, das 2015 unter Theresien-Verantwortung zum Musikzentrum St. Gabriel wurde. Es ist Dienstagabend. Die Tür steht noch offen für die, die nachkommen. Immerhin sind Ferien. Trotzdem füllt sich der Saal mit immer mehr gut gelaunten Menschen. Und dann kann es losgehen.

Beim Einsingen sind die Bässe in den tiefen Lagen gefordert. Als nur einer die tiefen Töne trifft, ruft es aus der ersten Reihe: „Angeber!“ Und alle lachen.

Es sind ungefähr 80 Sängerinnen und Sänger, die seit September einmal wöchentlich in Hainburg zusammenkommen, um „Abraham“ einzustudieren. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren schon bei anderen Theresien-Projekten mitgewirkt. „Wer einmal dabei war, kommt wieder“, sagt Mitwirkende Dominque Grefing, „aber so viel Zuspruch wie diesmal gab es noch nie.“

Das mag auch an der Besonderheit des Stückes liegen, denn „Abraham“ ist kein gewöhnliches Musical. Es ist ein Werk, das orientalische und europäische Tradition miteinander verbindet. Abraham, der als Stammvater der drei großen monotheistischen Weltreligionen gilt, stellt eine Identifikationsfigur für viele Menschen unterschiedlicher Kulturen dar. Die Idee, Abrahams Leben in den Mittelpunkt eines Musiktheaters zu stellen, stammt von Peter Eckrich, dem geschäftsführenden Heimleiter des Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrums auf der Offenbacher Rosenhöhe.

Geübt wird heute an einer Szene, in der Sarah und Hagar auftreten. Schnell wird deutlich, dass das Libretto von Angela Gessner und Martin Eckrich keine Nacherzählung der biblischen Geschichte ist. Das Stück spielt auf zwei Zeitebenen, die sich durchbrechen und historische und aktuelle Erfahrungen miteinander verbinden. Dabei geht es nicht so sehr um Parallelen, sondern um menschliche Grundsituationen wie Heimat, Flucht und Neuanfang. Keine leichte Aufgabe für Regisseur Maurice Lenhard, der aber aufgrund seiner vielseitigen Ausbildung und Erfahrung für diese Aufgabe prädestiniert ist.

Thomas Gabriel, Regionalkantor im Bistum Mainz und Leiter des musikalischen Teams in St. Gabriel, hat das Stück komponiert. Ihm ist es gelungen, moderne Klangfarben und orientalische Melodien zusammenzuführen.

„Da wart ihr wohl selbst von euch überrascht,“ scherzt er, als der Sopran in den Höhen regelrecht explodiert, und lobt dabei vor allem die jungen Sängerinnen und Sänger, die zum Großteil aus den Gruppen des Theresienheims stammen. Aber auch Betreuer und Freunde der Einrichtung sind im Chor vertreten. „Mitmachen kann eigentlich jeder, der Spaß am Musizieren hat.“ Damit auch Laien die Partien daheim einüben können, werden die einzelnen Stimmen vor den Proben in eine Cloud gestellt.

Die Solorollen übernehmen Jugendliche, aber auch professionelle Sänger und Schauspieler, unter anderen Samuel Koch. Das Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt, nach seinem schweren Unfall bei „Wetten dass?“ querschnittsgelähmt, ist auch als Autor des Spiegel-Bestsellers „Zwei Leben“ bekannt geworden.

Für die musikalische Gestaltung gewonnen wurden neben der hauseigenen Band das Streichquartett der Neuen Philharmonie Frankfurt sowie namhafte Künstler, die dem muslimischen und jüdischen Kulturkreis angehören. Der Kontakt zu den Musikern wurde durch das Integrationsbüro des Kreises Offenbach hergestellt, das als Mitglied der Initiative „Eine Stunde für den Frieden – interreligiöser Dialog in Stadt und Kreis Offenbach“ das Musiktheater unterstützt. Auch Hessens Sozialministerium fördert das Projekt.

Bilder: James Morrison im Offenbacher Capitol 

„Abraham“ soll weitaus mehr sein als ein kulturelles Ereignis. Es bringt Menschen aus verschiedenen Nationen zusammen auf eine Bühne, führt Integration vor Augen und macht sie hörbar.

Musik ist zwar eine Sprache, die jeder spricht, dennoch gilt es, bei den Vorbereitungen kulturelle Hürden zu überwinden. „Wir reden von Akkorden, unsere marokkanischen Kollegen von Skalen“, erklärt Kantor Gabriel. Aber genau das macht dieses Projekt so spannend und lebendig. „Es hat eine eigene Bewegung entwickelt, und diese Bewegung ist nicht mehr zu stoppen.“

Bewegend ist das Engagement der Sängerinnen und Sänger. Bewegend ist auch, wenn die Söhne Abrahams, Ismael und Isaak, gemeinsam singen: „Wir sind so verschieden, und sind doch Brüder. Auch wenn wir uns trennen, wir sind verbunden. Geschwister für immer, Kinder des Ewigen.“

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