Wie wird Mann zum Helden?

Offenbach - Die Zahlen sind erschreckend: Alle 20 Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an den Folgen von Darmkrebs. Jedes Jahr kommen über 73.000 Neuerkrankungen hinzu. Das Risiko steigt ab dem Alter von 50 Jahren deutlich an. Von Veronika Szeherova

Dabei ist die Vorsorge einfach – und in Deutschland sogar eine kostenlose Kassenleistung. „Die Nutzung aber ist entsetzlich niedrig“, bemängelt Professor Andreas Zielke, Chefarzt am Klinikum Offenbach. Das soll sich ändern: In Offenbach beginnt am Samstag ein für Hessen einzigartiges Präventionsprojekt, das die Stadt zu einem Leuchtturm in Sachen Darmgesundheit macht.

„1000 mutige Männer für Offenbach“ heißt die Aktion, die Teil der hessischen Präventionsinitiative „du bist kostbar“ ist und ein Jahr andauert. Der Name ist Programm: Mindestens 1000 der 10.000 Offenbacher Männer ab 55 Jahren sollen an einer Vorsorge-Darmspiegelung teilnehmen. „Männer erkranken in jeder Altersgruppe doppelt so häufig an Darmkrebs wie Frauen“, erläutert Zielke. „Gleichzeitig haben sie wesentlich mehr Hemmungen, zur Vorsorge-Untersuchung zu gehen.“ Krebs werde in der Gesellschaft immer noch tabuisiert, obwohl bundesweit rund 38 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens davon betroffen sind. Scham, Angst und fehlende soziale Unterstützung tun ihr Übriges. „Für Männer ist vor allem die Angst vor dem Ergebnis eine relevante Barriere“, weiß der Mediziner.

Bei rechtzeitigem Befund hohe Heilungschancen

Speziell bei der Darmkrebs-Vorsorge würden viele auch den Zeitaufwand von etwa einem halben Tag scheuen, den die Koloskopie in Anspruch nimmt. Doch die Zeit könnte kaum sinnvoller genutzt werden: „Wer ohne Befund bleibt, kann danach bis zu zehn Jahre mit einem sehr sicheren Gefühl leben“, sagt Zielke. Bei einem rechtzeitigen Befund seien die Heilungschancen sehr hoch. Also genug gute Argumente für die Vorsorgeuntersuchung.

Und dennoch: Seit 2006, als die Vorsorge-Darmspiegelung ab 55 Jahren zur Kassenleistung wurde, haben sie im Schnitt nur 18,3 Prozent der Männer und 20,1 Prozent der Frauen in Anspruch genommen. Marketingkampagnen mit Prominenten brachten keine Steigerung. „Was hilft, sind persönliche Empfehlungen im sozialen Umfeld“, weiß Susanne Griesbaum, Projektkoordinatorin von „1000 mutige Männer“. Der Hausarzt und die Ehefrau hätten den größten Einfluss. Die Flugzettel des Projekts richten sich deshalb nicht nur an die Männer selbst, sondern auch an die Frauen, die wissen wollen, wie man Männer zu Helden macht. „Mit den Schlagwörtern Mut und Held wollen wir mehr Lockerheit in das ernste Thema bringen“, sagt Susanne Griesbaum. „Es soll helfen, leichter darüber zu sprechen, und den Ehrgeiz wecken, seinen Mut unter beweis zu stellen.“

Erfolgreiches Pilotprojekt in Mönchengladbach

Im vorigen Jahr lief das Pilotprojekt in Mönchengladbach. Mit Erfolg: 1007 Männer aus der Zielgruppe gingen zur Darmkrebsvorsorge. Das entspricht einer Steigerung von 7,3 Prozent, während in den umliegenden Städten die Zahlen rückläufig waren. „Unsere Erfolgsquote liegt also bei etwa 20 Prozent“, so Susanne Griesbaum.

Das soll auch in Offenbach gelingen – oder sich sogar steigern. Bis Juli werden die Männer individuell in Arztpraxen, durch Flugzettel und Infomaterial gezielt angesprochen. Von August bis Oktober werden verstärkt Firmen und Betriebe aufgefordert, das Thema ihren Mitarbeitern nahezubringen. Die dritte Säule von November bis März ist Sekundärprävention wie Sport und Bewegung gegen Krebs. Die Startveranstaltung dazu findet im Kickers-Stadion statt.

Und wenn alle Vernunfsargumente nichts nützen, dann vielleicht dies: Unter den mutigen Männern werden am Ende viele Preise verlost ...

Rubriklistenbild: © Rainer Sturm/pixelio.de

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