Nach Aktenlage unauffällig

Offenbach ‐   Die Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft laufen lange gegen unbekannt. Erst Mitte 2009 kann derjenige, der im Internet für die Terrororganisation Al-Qaida wirbt, namentlich identifiziert werden. Von Matthias Dahmer

So kommt es, dass das Offenbacher Ordnungsamt am 18. Juli 2008 dem Terror-Werber Adnan V. eine Waffenbesitzkarte ausstellt. Der Deutschtürke erhält die entschärfte Version eines Waffenscheins, weil er nach damaliger Aktenlage einen Rechtsanspruch darauf hat.

Seit einem Jahr hat er sich beim Schützenverein Adler in Heusenstamm im Umgang mit Waffen schulen lassen, ist angehender Sportschütze im größten Schützenverein im Rhein-Main Gebiet.

Lesen Sie außerdem:

Waffenschein trotz islamistischem Umfeld

Und Adnan V., das ergeben die nach dem Waffengesetz vorgeschriebenen Nachfragen des Ordnungsamts, gilt als unbescholten, erfüllt alle Voraussetzungen für die Erteilung der Karte. Kein Vermerk im Bundeszentralregister, kein Hinweis im erweiterten Führungszeugnis des jungen Mannes, nichts was darauf hindeutet, dass er durch Internet-Propaganda für Al-Qaida aufgefallen ist, dass er versucht, andere Islamisten für den Heiligen Krieg zu rekrutieren. Keine der angefragten Behörden verweist auf Ermittlungen einer Staatsanwaltschaft. „Es gab für uns nicht den kleinsten Verdacht“, sagt Peter Weigand.

Defizite in der Gesetzgebung

Der Leiter des Ordnungsamts muss sich gegen den Vorwurf wehren, Offenbach sei mal wieder für einen Skandal gut, habe einem bekennenden Gotteskrieger einen Waffenschein ausgestellt. „Das wäre in jedem Ordnungsamt so passiert“, sagt Weigand. Tatsächlich, das teilt die Bundesanwaltschaft auf Anfrage mit, liefen zwar schon länger Ermittlungen gegen den Terror-Werber, der im Internet unter einem Pseudonym auftrat. Dass dies Adnan V. aus Offenbach ist, sei erst Mitte 2009 klar gewesen. Deshalb habe bei Erteilung der Waffenbesitzkarte Mitte 2008 auch niemand davon wissen können.

Für Stadtsprecher Matthias Müller zeigt der Fall des Adnan V., der im Oktober 2009 verhaftet wurde, aber auch Defizite in der Gesetzgebung über die Führung von Pistolen und Gewehren. So müsse hinterfragt werden, ob eine Waffenbesitzkarte, die nach einem Jahr Mitgliedschaft in einem Schützenverein ausgestellt wird, dazu berechtigen dürfe, Waffen zu erwerben, die offenbar weit über die Anforderungen des Schießsports hinausgingen. Und der Gesetzgeber müsse klären, ob es sinnvoll sei, dass Schützen ihre Waffen mit nach Hause nehmen könnten.

Nach einem Jahr Neun-Millimeter-Pistole

Derzeit haben laut Ordnungsamt 702 Personen - in der Regel Sportschützen - in Offenbach eine Waffenbesitzkarte. Jährlich werden 35 bis 40 neue Karten erteilt. Die Bewerber legen der Behörde einen Antrag vor, in dem der Schützenverein bestätigt, welche Waffe der Antragsteller für seinen Sport benötigt. „Den Kauf einer Waffe muss der Sportschütze bei uns anzeigen, zum Nachweis der ordnungsgemäßen Aufbewahrung genügt zum Beispiel die Quittung über den Kauf eines Waffenschranks“, erläutert Peter Weigand. Kontrollen der Behörde sind bei nur einem Sachbearbeiter für Innen- und Außendienst eher selten.

Beim SV Adler in Heusenstamm ist gestern niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Grundsätzlich, heißt es aber aus Schützenkreisen, schaue sich ein Verein Neulinge genau an, überprüfe in einer einjährigen Probezeit regelmäßig, ob die Person auch charakterlich für den Sport geeignet sei und verantwortungsvoll mit den Waffen umgehe.

Als eher ungewöhnlich wurde der Umstand bezeichnet, dass sich Adnan V. schon nach einem Jahr eine großkalibrige Neun-Millimeter-Pistole zulegen konnte. Üblicherweise werde ein Jahr lang zunächst mit der Luftpistole geschossen, danach gehe es erst einmal mit Kaliber 4,5 Millimeter weiter.

Rubriklistenbild: © Siegfried Fries / Pixelio.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare