Nach der Andacht Bratwurst

Offenbach - Als am sonntäglichen 23. Juli 1911 der Grundstein für die evangelische Friedenskirche gelegt wurde, verzeichneten die Chroniken den heißesten Tag in einem ungewöhnlich heißen Sommer. Von Lothar R. Braun

Als am vergangenen Samstag die hundertste Wiederkehr des festlichen Akts zu begehen war, gab sich der Sommer eher unterkühlt. Das unwirsche Wetter hat das im Pfarrgarten vorbereitete Grillfest etwas beeinträchtigt. Die Besucherzahl vermochte es jedoch nicht zu schmälern.

Vor dem in der Eingangshalle sichtbaren Grundstein verlas Pfarrer Friedrich Metzger den Wortlaut der eingemauerten Urkunde, eines Originals aus der Hand des Schriftenschöpfers Rudolf Koch. Sie vermerkt auch die Obrigkeiten ihrer Zeit: Kaiser Wilhelm II. und Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein.

Mitteleuropa lebte seit Jahrzehnten in friedlicher Zeit. Die 1914 heraufziehende europäische Katastrophe war noch unvorstellbar, als die Friedenskirche ihren Namen erhielt. Die Urkunde sagt, was dazu bewog: Die neue Kirche möge „allewege die Botschaft des Friedens (…) verkünden“ und ein Ort sein, „wo der Geist allen Friedens angebetet wird“.

An die Andacht vor dem Grundstein schloss sich ein Gottesdienst an, in dem Pfarrer Metzger die christliche Gemeinschaft als ein Bauwerk deutete, in dem unterschiedliche Konfessionen die Steine im Mauerwerk sind. Jeder dieser Steine werde gebraucht und von einem gemeinsamen Grundstein getragen.

Zu einem Grußwort und mit einem Scheck für die Gemeindearbeit hatte das evangelische Dekanat Margit König in die Friedenskirche entsandt. Danach hätte man im Garten hinter der Kirche feiern sollen. Doch weil dort der Regen Tische und Bänke nässte, mussten die vorbereiteten Bratwürste im Haus verzehrt werden. Aber man konnte etwas mit nach Hause nehmen: Der Pfarrer beschenkte jeden der Gäste mit einer Kopie der von Rudolf Koch geschriebenen Urkunde.

Mit einer ganzen Reihe weiterer Veranstaltungen schlägt die Gemeinde nun die Brücke vom Grundstein zum Jubiläum der Kirchweihe am 7. Oktober 2012. Im laufenden Jahr sind das vorwiegend Konzerte und Lesungen. 2012 folgen hauptsächlich Vorträge mit Bezug auf die Baugeschichte und ihr zeitgeschichtliches Umfeld. Dafür wurden als Referenten der Stadthistoriker Hans-Georg Ruppel, die Kunsthistorikerin Christina Uslular-Thiele, der Theologe Walter Fleischmann-Bisten und aus der eigenen Gemeinde der Rechtsanwalt und Notar Michael Brück gewonnen. Brücks Thema ist „Die Friedenskirchein Offenbach zur Zeit der Naziherrschaft“.

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