„Die haben mein Leben zerstört“

Nach Raubüberfall: Panik vor Hotels ist geblieben

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Offenbach - Weil sie ihr Urteil für einen verübten Raubüberfall als zu hart erachten, haben zwei Offenbacher Täter Rechtsmittel eingelegt. Nun hoffen sie vor Gericht auf Abmilderung ihrer Haftstrafen. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Für Michael T. hätte es kaum schlimmer kommen können. Als der 54-jährige Reisebusfahrer aus Köln am 18. Januar dieses Jahres in seinem Hotelzimmer in Lauterborn zu Bett gehen will, stehen plötzlich drei junge Männer im Raum. Sie fordern Geld, Laptop und Mobiltelefon. Als er schreit und sich widersetzt, wird er aufs Bett gestoßen, einer der Täter schlägt ihn und presst das Kopfkissen auf sein Gesicht, die anderen suchen nach Wertsachen. Dann flüchtet das Trio mit einer Brieftasche ohne Geld und seiner Brille. T. bleibt schwer traumatisiert zurück, kann seitdem seinen Beruf nicht mehr ausüben und hält sich als Gartenbauhelfer über Wasser.

Alle vier an Planung und Durchführung des Raubs beteiligten Offenbacher Täter wurden im Juli vor dem Bezirksschöffengericht zu Haftstrafen verurteilt. Zwei von ihnen, Ali G. und Ilyass E., legten Rechtsmittel ein. Sie wollen eine Abmilderung der Haftstrafen von drei Jahren und elf Monaten, beziehungsweise drei Jahren und vier Monaten erreichen. Im Gegenzug ging auch die Staatsanwaltschaft in Berufung. Gestern startete nun der Berufungsprozess vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt mit den umfangreichen Aussagen der beiden 22-jährigen Täter und der des Opfers.

„Die haben mein Leben zerstört“

„Die haben mein Leben zerstört!“, so der sichtlich verstörte Rheinländer. „Ich kann bis heute kein Hotel mehr betreten, bekomme schon auf der Schwelle Panik.“ Daran hätten auch die 15 Sitzungen Traumatherapie – mehr zahlt die Berufsgenossenschaft nicht – kaum etwas geändert. Der Nebenkläger erinnert sich: „Mir wurde mit beiden Händen das Kissen aufs Gesicht gedrückt, ich habe gedacht, hier und jetzt ist mein Leben zu Ende!“ Ohne Sicht auf die Täter, mit der Panik, zu ersticken, kam zusätzlich die Angst vor einem Messerangriff, der jedoch glücklicherweise ausblieb.

In der entwendeten Brieftasche befand sich zwar – anders als die Täter im Vorfeld ausspioniert zu haben glaubten – kein Geld, dafür aber unzählige Papiere, deren Neubeantragung den Busfahrer teuer zu stehen kam: Mehrere Führerscheine für Kraftwagen und Sportboote, Personenbeförderungslizenzen und Fahrzeugscheine. Lediglich einen Führerschein und den Personalausweis bekam er zurück, als die Männer wenige Tage später gefasst wurden. Den Rest hatten sie kurz nach der Tat auf der Flucht in einer Kleingartenanlage verbrannt.

Die schmächtigen jungen Männer sind jetzt, wie auch schon am Amtsgericht, umfänglich geständig. Beide bereuen zutiefst ihre Tat, bezeichnen sie selbst als „unverzeihlich“. Mit der Planung wollen sie jedoch nichts zu tun gehabt haben. Sie seien von den beiden anderen Verurteilten Ji. und Ja. kurz vorher zum Mitmachen verführt worden.

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So beschreibt es zumindest Ali G.: „Ji. und Ja. haben im Vorfeld das Hotel und den Gast T. ausspioniert. Ji. gab sich als Personal aus und konnte, als T. sein Zimmer betrat, die für Haus- und Zimmertür identische PIN-Nummer ablesen. Gleichzeitig will Ji. einen Laptop und jede Menge grüne Euroscheine in T.s Portemonnaie gesehen haben.“ Für die erneute Beweisaufnahme sollen noch Vernehmungsbeamte und das Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen gehört werden. Als Fortsetzungstermin ist der 13. November geplant.

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