Nacht der Museen: Seines Tierfells entledigt

+
Als Teil seiner Performance zur Nacht der Museen zerlegte der amerikanische Künstler John Antony Jeanpierre mit einer Kettensäge die Groß-Skulptur vor dem Ledermuseum, die dort seit 1990 stand. Besucher konnten die zersägten Teile gegen eine Schutzgebühr mit nach Hause nehmen.

Offenbach - Ruhig ging es zu bei der diesjährigen „Nacht der Museen“ am vergangenen Samstagabend. Das Deutsche Lesermuseum, sonst ein Besuchermagnet, wurde diesmal nur mäßig besucht. Von Claus Wolfschlag

Um das Publikum in alle Ecken des Hauses zu lenken, war das künstlerische Programm bewusst auf verschiedene Räume verteilt worden. Im Kinosaal gab der Wiesbadener Pianist Jens Barnieck gemeinsam mit dem Trompeter Ralf-Werner Kopp ein Konzert. Unter dem Titel „OF Cage“ spielten sie zum 100. Geburtstag des Komponisten John Cage experimentelle Stücke aus dessen Repertoire.

Kaum minder experimentell geriet die Performance „INStanzen“ im Erdgeschoss, die zur Geräuschkulisse einer ehemaligen Lederwarenfabrik von der Künstlerin Ina Juretzek vorgeführt wurde. Als gesichtsloses Wesen mit übergezogenem Strumpf zeigte sie tänzerisch den Verlauf der Lederproduktion. Das Wesen wurde erst seines Tierfelles entledigt, dann kam es zu mehreren symbolisch dargestellten Arbeitsvorgängen. Am Ende konnte die anonyme Figur schließlich mit Ledermantel, Handtasche und Pumps davonstolzieren. Seit vielen Jahren ist Juretzek, die auch in Offenbach zur Schule gegangen ist, in der Ateliergemeinschaft Bettinastraße 71 aktiv.

Musikalische Lesungen

Die „Asphalt-Piloten“ führten Tanzchoreografien auf. 

Diese befindet sich in einem Hinterhaus, das einst der Lederverarbeitung gedient hatte. Durch Zufall fand Juretzek dort bei Elektroarbeiten auf dem Dachboden alte Schnittmuster für Lederschuhe, die offenbar beim Auszug der Firma vergessen worden waren. Seitdem hatte sie immer wieder den Gedanken, aus diesem Fund eine Performance zur Lederverarbeitung zu entwickeln. „Der Gedanke lag auch nahe, weil man in Offenbach sehr stark mit dem Ledergewerbe konfrontiert wird. Es brauchte allerdings einige Jahre, bis ich die Performance dann auch realisierte“, erläuterte sie.

Etwas versteckt zwischen lauter Exponaten im ersten Obergeschoss des Museums wohnten Besucher mehreren musikalischen Lesungen Karin Nedelas bei. Nedela entführte dabei in die elisabethanische Ära und die Zeit nach der Schlacht von Waterloo, als die englischen Frauen die durch den Krieg ausgedünnte Männerschaft intensiv umwerben mussten. Ein Gedicht Gabriele von Baumbergs wurde nachgeschoben, bis Nedelas Begleitung Talib R. Vogl wieder zur Gitarre griff, um sanften Weisen zu zupfen.

Im Haus der Stadtgeschichte zeichnete Christina Plakas live vor den Augen des Publikums, und die Grafische Werkstatt führte in die Drucktechnik ein. Ansonsten stand der Abend im Zeichen des Orients, nicht zuletzt dank der unlängst eröffneten Ausstellung mit Lithografien des englischen Orientalisten David Roberts.

„Wir hatten dieses Jahr sehr viel weniger Besucher“

Mit viel Humor und orientalischer Gewandung führte Karl Schmitt-Korte durch die von ihm organisierte Schau. Schmitt-Korte war bereits 1960 mit der ersten deutschen Studentengruppe in Israel gewesen. Verzweifelt wäre er gewesen, nicht über die Grenze gelangen zu können. So folgten bald weitere Reisen in die arabische Welt, in den Libanon, Jordanien und das Westjordanland, aus denen eine tiefe Verbundenheit entstand. „Da habe ich mein Herz verloren“, bekannte Schmitt-Korte.

Der seit langem in Offenbach lebende Chemiker begann die romantischen Roberts-Lithografien zu sammeln. Für die Ausstellung gewann er den „Shell Jubiläumsfond für Pensionäre“, der Bilderrahmen spendete. Orientalische Klänge auf den Instrumenten Oud und Riq bot Riad Kheder im Ausstellungsraum. Der aus Irak stammende Musiker lebt seit etwa 30 Jahren in Frankfurt. In Offenbach trat er gemeinsam mit der Märchenerzählerin Hannelore Marzi auf.

„Wir hatten dieses Jahr sehr viel weniger Besucher“, gab Stefan Soltek, Leiter des Klingspor Museums, zu. Als einen Grund nannte er die enge zeitliche Nähe zur Luminale. Das kühle Wetter dürfte auch eine Rolle gespielt haben, wohl aber nicht das Veranstaltungsmotto im Büsing-palais, das da lautete: „Stille!“ Corinna Krebber präsentierte dort Künstlerbücher zu John Cages „Silence“. Die bayerische Instrumentenbauerin und Komponistin Limpe Fuchs gab gemeinsam mit Ulrike Stoltze eine verzaubernde Klangperformance zum Besten. Stefan Soltek las späten Gästen um 1 Uhr gemeinsam mit den Musikerinnen noch „Texte zur Stille“ vor.

Wer es hingegen lauter haben mochte, ging in den Hauptbahnhof, wo das „LikeOffenbach“-Team von Loimi Brautmann in der Fahrkartenhalle Musik von DJ Double-D und eine Fotoausstellung Miguel Graetzers angekündigt hatte. Eine Besonderheit hatte sich die Stadt einfallen lassen. Die international aktive Performance-Gruppe „Asphalt Piloten“ suchte sämtliche Ausstellungsorte der Lederstadt auf und führte dort ihre Tanzchoreografie „Tape Riot“ auf. Mit Klebeband gestaltete ein Akteur geometrische Raumstrukturen auf Boden und Wände, während zwei weibliche Tänzerinnen ihre teils akrobatischen Bewegungsabläufe vollzogen. Begleitet wurde die Performance durch Elektrorhythmen, die auf technisch verstärkten Umgebungstönen basierten.

Manche Klebestreifenfigurationen dürften noch Offenbacher Hauswände zieren, denn die Truppe vollzog ihre Schau auch auf den Wegen zwischen den verschiedenen Lokalitäten – eine nachhallende Erinnerung an eine kühle Nacht.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare