Nachwehen in Psychiatrie

Offenbach - Mit Nachwehen pflegt man in den Städtischen Kliniken einen recht entspannten Umgang. Zumindest auf der Geburtenstation. Von Marcus Reinsch

Kaum eine Frau, die im Wochenbett nicht den schmerzhaften, gleichsam natürlichen Protest ihres strapazierten Körpers zu spüren bekommt. In der vorwiegend mit Suchtkranken belegten Entgiftungsstation der erst vor zwei Wochen in den renovierten Altbau übergesiedelten Psychiatrie unterdessen sorgen Nachwehen jener Sorte für Unmut, gegen die Medikamente nicht helfen.

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Denn der Großbrand, der am vergangenen Mittwochabend vom Zimmer eines wohl mutwillig zündelnden Patienten aus durch die Station wütete, hat nicht nur Möbel und Mauern erwischt. Dem Personal war zwischenzeitlich auch der Zugang zum Tresor versperrt, der die Vorräte einer Substanz schützt, die Drogensüchtigen als echter Schatz gelten muss - Methadon. Die Ersatzdroge lindert Entzugsschmerzen, wird therapeutisch eingesetzt, ist selbst giftig und dementsprechend nur unter strengsten Auflagen zu haben. Und vor allem nicht von jetzt auf gleich. Fazit, am Samstag verbreitet von einem Patienten der Station, die nun in einem anderen Klinik-Bau untergebracht ist: „Es gibt hier Menschen, die ihr Methadon viel zu spät bekommen, weil angeblich nichts im Hause wäre.“

Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer der Kliniken, kennt das Problem, wirbt um Verständnis für „Zeitverzögerungen“. Nach dem Brand herrsche eine Ausnahmesituation. Im räumlichen Exil „funktioniert noch nicht alles zu 100 Prozent, manches muss improvisiert werden.“ Dazu zähle durchaus auch die Bekleidung. Die sei eigentlich Sache der Patienten, doch weil vieles in Flammen aufging, helfe die nicht über eine Kleiderkammer verfügende Klinik „mit Bordmitteln“ aus, soweit das gehe.

Beim Großbrand wurde einiges zerstört

Feuer zerstört Offenbacher Klinikstation

Nach der Beobachtung des Alkoholikers Thorsten H., der sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen hat, um sich auf eine Langzeittherapie vorzubereiten, geht das manchen nicht weit genug. „Es gibt hier Menschen, die außer einer kurzen Hose und einem T-Shirt nichts mehr besitzen durch diesen Brand“, schreibt er in einer Mail. Und: „Die Patienten laufen jetzt schon seit drei Tagen in der selben Unterwäsche rum.“

Geschäftsführer Schmidt: „Was wir haben, stellen wir zur Verfügung. Und die Angehörigen werden auch verständigt.“ Die Psychiatrie habe nun absoluten Vorrang. Die Begehung mit der Versicherung sei schon am Freitag gelaufen, „wir wollen die Station in kürzester Zeit wieder herstellen.“ Einige Monate, auch ein halbes Jahr, könne es aber dauern. Nach Großbränden wie diesem müsse die Statik überprüft werden.

Dass es in der Psychiatrie am Mittwoch keine „funktionierenden Rauchmelder“ gegeben haben könnte, wie Thorsten H. mutmaßt, weist Schmidt von sich. „Wenn wir eine Station in Betrieb nehmen, ist sie auf dem neusten Stand.“

Er bekommt Unterstützung von Feuerwehrchef und Einsatzleiter Uwe Sauer: Die Brandmeldeanlage des Gebäudes habe angesprochen. Und das sei ohne Rauchmelder nicht möglich.

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