Die Nähe zu Gott suchen alle Religionen

Offenbach - Vor 60 Jahren, 1949, wurden die ersten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gegründet. Die Offenbacher Organisation ist 1950 ins Leben gerufen worden. Deswegen ist das Jahresmotto der Woche der Brüderlichkeit vom 1. bis 8. März „So viel Aufbruch war nie“. Die Gesellschaft hatte ihren Festakt wegen des Terminkalenders des Redners auf den 26. Februar vorverlegt.

Stadtverordnetenvorsteher Erik Lehmann, Schirmherr der Offenbacher Woche der Brüderlichkeit, würdigte die Verdienste der Gesellschaften um die Integration der jüdischen Mitbürger, erinnerte aber auch an die Aufbrüche und Katastrophen: „Ich bewundere die jüdischen Mitbürger, die nach der Shoa noch den Mut und die Kraft hatten, in Deutschland zu bleiben.“

Festredner Professor Dr. Micha Brumlik hatte sich das Thema „Inkarnation im Judentum“ gewählt, einen theologischen Vortrag, wie er sagte. Zum Motto der Woche bemerkte er, er wisse nicht genau, ob dies auf die Gegenwart bezogen, oder nostalgisch gemeint sei. „In diesem Jahr könnte man auch sagen, so viel Stillstand war nie, zumindest was das Verhältnis der Katholischen Kirche zum Judentum anbetrifft.“

In seinem Vortrag stützte sich Brumlik auf die Aussage des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, „Die Annahme, dass Gott Mensch geworden sei, ist ein Stück Heidentum.“ Vor dieser Grundaussage waren die weiteren Ausführungen zu verstehen.

Die Gründe für die Differenzierung des Juden- und des Christentums liegen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung. Das Christentum als ursprünglich jüdische Sekte forderte die Dreieinigkeit Gottes und die Anerkennung Jesus als Gottes Sohn. Die jüdischen Rabbiner bestreiten, dass Gott Mensch geworden und Jesus der Messias ist.

Um den Messias zu erkennen hat Maimonides im 12. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung die Grundregeln aufgestellt: Der Messias muss ein König aus dem Hause Davids sein, er muss den Tempel wieder errichten und die zerstreuten Stämme Israels sammeln. Dies treffe auf Jesus nicht zu. Auch der jüdische Philosoph Spinoza konnte zu Beginn der Aufklärung den Widerspruch zwischen Gott als ewige Wahrheit und der Menschwerdung Gottes nicht lösen.

Allerdings, so führte Brumlik aus, gebe es in der jüdischen Mystik und den Chassiden, den Vertretern des frommen Judentums, Tendenzen, die Gott den Menschen näher bringen sollen. Als Kronzeugen führte er die „Lubawitscher“ oder „Chabad“ an, die den verstorbenen Rabbi Mendel Menachim Schneersohn als Messias verehren. Dazu müsse man wissen, dass jüdische Chassiden in jeder Generation einen verborgenen Messias vermuten. Religiös sind die Chassidim so an ihren Meister, den Rebbe, gebunden, dass sie in ihm die Anwesenheit Gottes unter den Menschen sehen. Einige Vertreter der Orthodoxie teilen die Auffassung, dass im Menschen ein göttlicher Funke wirke. Deswegen komme der Mensch auch dem göttlichen Wesen nahe.

Brumlik stellte fest, dass die Nähe zu Gott ein Bedürfnis aller Menschen sei, egal welcher Religion sie angehören. In der Diskussion plädierte Alfred Jacoby, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, für mehr Beschäftigung mit Religionsgeschichte. Nur durch Wissen über das Gegenüber könne man sich auch annähern.

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