Närrische Freiheiten auch im Knastkostüm

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32 Zugnummern, zum Teil schon bekannt vom großen Offenbacher Jubiläumszug und dem Bieberer Umzug, sind mit von der Partie. Doch gerade die vielen kleineren lokalen Gruppen machen den Reiz des Bürgeler Lindwurms aus.

Offenbach - In schwarzer Schultheißen-Robe marschiert Oberbürgermeister Horst Schneider gestern an der Spitze des Fastnachtszugs in Bürgel. Von Veronika Szeherova und Stephan Degenhardt

Seine schwere Amtskette soll wohl daran erinnern, wer in dieser Stadt ursprünglich das Sagen hatte. Vergeblich: In Wahrheit regieren in Offenbach noch die Narren.

Denen ist endlich auch der Wettergott hold. Die Bürgeler werden behaupten, er sei einer der Ihren. Denn pünktlich zur Kappenfahrt der Ranzengarde sorgt er für schönstes, sonniges Wetter, sodass selbst die kühlen Temperaturen keinem mehr etwas ausmachen. Die Stimmung in den Straßen Burgillas ist prächtig. Etwa 10.000 Menschen sind in den Stadtteil gekommen, um dem letzten großen karnevalistischen Aufschrei der Kampagne 2009/2010 beizuwohnen.

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Närrische Freiheiten auch im Knastkostüm

32 Zugnummern, zum Teil schon bekannt vom großen Offenbacher Jubiläumszug und dem Bieberer Umzug, sind mit von der Partie. Doch gerade die vielen kleineren lokalen Gruppen machen den Reiz des Bürgeler Lindwurms aus. Das sind zum Beispiel die Ruderer des Wassersportvereins, die TSG-Tänzer und Kegler oder der Vespa-Club Bürgel. Dessen Mitglieder sind so zahlreich vertreten, dass man sich gar nicht auf ein einheitliches Kostüm festlegen wollte. So marschieren sie als Schlafmützen, Harlekine oder Figuren der Augsburger Puppenkiste neben der Konfetti-Kanone.

Der Reit- und Fahrverein Rumpenheim präsentiert seine „fidelen Reiter“, wie es sich gehört, auf einer Kutsche. Leider aber ohne Rösser. Die Pferdestärken kommen beim Bürgeler Umzug ausschließlich von motorisierten Fahrzeugen. In so mancher enger Kurve ist das Manövrieren der großen LKW gar nicht so einfach. Die Polizei ermahnt immer wieder tütenbepackte Kinder, die auf Kamellen aus sind, auf dem Bürgersteig zu bleiben.

Die Fahrer müssen also hellwach sein, während ihre Besatzung ausgiebig feiert. Wie viel Bier, Wodka und Mixgetränke an diesem Nachmittag in Burgilla konsumiert werden, darüber gibt es leider keine Statistik. Jedenfalls sind die Närrinnen und Narrhalesen oben auf den Wagen bester Laune und geizen nicht mit Gaben an das ergebene Volk.

Wo besonders laut „Gud Stuss - Ahoi“ ertönt, fliegen auch die meisten Kamellen. Popcorn, Salzgebäck, Bonbons rieseln auf die Menge herab. Als besonders wurfstark erweist sich die Bürgeler Kinderprinzessin Alicia I. Sie schleudert die harten Bonbons mitunter mit einer solchen Wucht ins Publikum, dass so mancher sich an den schmerzhaft getroffenen Kopf greift. Wohl dem, der ein Ganzkörperkostüm hat, am besten eines aus Plüsch...

„Heute ist so ein schöner Tag“

Insgesamt zeigen sich die Besucher kreativ und verkleidungsfreudig. „Normal“ angezogene stellen die absolute Minderheit. Kühe, Waschbären, Cowboys, sogar Osama bin Ladens oder die klassischen schwarz-weiß gestreiften Gefängnisinsassen - zu entdecken gibt es jede Menge. Auch an Gesichtsbemalung ist nicht gespart worden. Bei den täuschend echten Fleischwunden im Gesicht eines jungen Mannes muss freilich so mancher zweimal hinsehen.

Politisch hält man sich zurück. Einzig der SPD-Ortsverein Bürgel/Rumpenheim proklamiert auf Schildern: „Koch, Weimar, die Steuersünder, brauchen wir wie Bauchweh - nimmer.“

Für die musikalische Untermalung sorgen die Guggenmusiker der Stadtgarde Offenbach (Ice Breakers), das Musikcorps Erlenbach am Main und der Spielmanns- und Musikzug aus Frankfurt. Das Konzertorchester Offenbach marschiert weit vorne in seiner klassischen grünen Uniform mit und dreht die Lautstärke ordentlich auf.

Ansonsten ertönt typische Mitgröl-Fastnachtsmusik aus den Lautsprechern in den Wagen: Das Technische Hilfswerk Offenbach, die OFC Berjeler Fans und das Sun Sonnenstudio machen kräftig Party. „Heute ist so ein schöner Tag“ von Tim Toupet ist dazu das passende Motto.

Natürlich fehlt auch das Prinzenpaar des Offenbacher Karnevalvereins mit seinem Gefolge nicht. Auch die Elfer der Sportgemeinschaft Wiking fahren in einem prunkvollen Wagen vor. Die Postkutsche dagegen ist zu Fuß unterwegs und bleibt ihrem Kampagnenmotto „Wilder Westen“ treu. Cowboykleidung ist angesagt.

Schmerzfrei sind die Herren der TSG Bürgel: Sie verwandeln sich in „grazile“ Schneewittchen. Für wahre weibliche Schönheit sorgen dann die glänzenden „Space Girls“ und elegante Geishas.

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