Öffentliche Beförderung

Gegen den Sparzwang

+
Der Marktplatz bleibt die zentrale Umsteigestation in Offenbach - von S-Bahn in den Bus und umgekehrt, von OVB-Linie in OVB-Linie. Das wird sich mit dem Nahverkehrsplan 2013-2017 nicht ändern.

Offenbach - Zwei Entwürfe für den Nahverkehrsplan 2013 bis 2017 liegen vor. Unabdingbar ist die Anbindung neuer Wohngebiete wie Hafen, Waldheim-Süd, Bürgel-Ost. Bitter könnte es werden, wenn Magistrat und Parlament den Rotstift ansetzen. Dann trifft es das ohnehin dünne Nachtnetz. Von Martin Kuhn

Es ist die Crux im Personennahverkehr: Unzählige Vorgaben und Wünsche in einem ohnehin hochdefizitären Betrieb, der unabdingbar ist. Öffentliche Beförderung von A nach B, aber auch C und D gehört zur allgemeinen Daseinsfürsorge. Das ist alle fünf Jahre in einen Plan zu fassen, den sogenannten Nahverkehrsplan. Er umfasst große und kleine Veränderungen für die Fortschreibung 2013-2017. Seit gestern Abend liegt er vor. Nun haben die Fahrgäste erneut das Wort.

Die lokale Nahverkehrsorganisation NiO (Nahverkehr in Offenbach) hat das umfassende Werk aufgestellt – mit externem Büro und in engem Kontakt mit Ämtern und Datenmaterial etwa vom RMV. Da drängt sich die Frage auf: Wo bleibt bei der geballten Kompetenz der Kunde? „Ganz weit vorn“, betont NiO-Geschäftsführerin Anja Georgi. „Vieles, das uns über die Fahrer oder über die Beschwerdestellen angetragen wird, fließt ohnehin ständig ein.“ Die erste Resonanz der Fahrgäste zum Plan 2013-2017 lässt sich vorsichtig so zusammenfassen: Es gibt nicht viel, was zu ändern ist.

Neue oder wachsende Wohngebiete einbeziehen

Dennoch müssen die Experten reagieren, neue oder wachsende Wohngebiete sind einzubeziehen. Doch sie blicken zunächst zurück. Der bestehende Nahverkehrsplan forderte beispielsweise auf, die Taktung der Buslinie 101 auf 7,5 Minuten zu steigern. Das wurde nie umgesetzt und wird auch nicht weiter verfolgt. Nun hat anderes Priorität, ist in das filigrane und von außen beeinflusste Nahverkehrsnetz einzuarbeiten. Letztlich hat das Stadtparlament abzuwägen zwischen zwei Vorschlägen.

Aus „rein fachlicher Sicht“ bevorzugen die Fachleute Variante eins. Sie zeigt auf, was für eine Stadt wie Offenbach eigentlich sein muss.

Variante zwei ist mitnichten eine Wunschliste, sondern ein Sparpaket. Kernpunkt: Reduzierung im Spätverkehr ab 22.30 Uhr auf allen Linien; statt im 30-Minuten- verkehren Busse im 60-Minuten-Takt. Georgi: „Unter Schmerzen entbehrlich, das absolute Minimalangebot.“ Denn es würde überhaupt nicht mehr mit dem überregionalen S-Bahn-Takt harmonieren.

Minibusse wären tagüber totes Kapital

Gibt es keine anderen Möglichkeiten – etwa achtsitzige Mini-Vans, die am späten Abend Kosten senken? Die NiO-Chefin kennt diese Vorschläge, bescheidet ihnen jedoch wenig Aussicht: „Diese Minibusse wären im regulären Betrieb nicht zu verwenden, somit tagsüber totes Kapital, das nur auf dem Hof steht.“ Außerdem würde das dem Prinzip der Barrierefreiheit widersprechen. „Behinderte wollen und sollen ohne Hilfe mobil sein. Das funktioniert nur mit der regulären Busflotte und Details wie einem absenkbaren Einstieg“, erläutert Georgi.

Daten und Fakten

- Buslinien in Offenbach: 8

- Haltestellen im Stadtgebiet: 330; davon sind 90 Prozent barrierefrei; Haltestellenfrequenz: zirka alle 300 Meter

- Gesamtlänge des Liniennetzes: etwa 220 Kilometer

- Fahrplankilometer: etwa 3,5 Millionen

- beförderte Fahrgäste (2010): 12,9 Millionen

- Fuhrpark der OVB: 58 Busse, davon 33 Gelenkfahrzeuge

- Das Defizit im vergangenen Jahr betrug bei den OVB 5,9 Millionen Euro, bei NiO 1,3 Millionen Euro (hauptsächlich Umlagekosten für S-Bahn-Anbindung)

Was in beiden Varianten unumgänglich ist: Anbindung der Neubaugebiete; allerdings in zwei Phasen. „Das Hafengebiet ist sofort dran. Dort müssen wir die Bewohner vom ersten Moment an in die Busse holen“, sagt Klaus Pormetter, bei NiO fürs Beschwerde- und Qualitätsmanagement zuständig, zuvor 15 Jahre am Steuer der OVB-Busse sitzend. Im Nordring wird’s man wohlwollend vernehmen – dort fährt bislang nur die Nachtlinie 61.

Für September 2013 angestrebt ist diese Lösung: Die Linie 120 wird am Marktplatz umbeschildert und fährt über Rathaus, Kaiserstraße und Nordring zur S-Bahn-Station Kaiserlei. Weitere Details im Netz ab diesem Zeitpunkt: Verästelung der Linie 103, abwechselnd werden von der Mühlheimer Straße das Neubaugebiet An den Eichen oder Waldheim/Biebernsee angesteuert. Die Buslinie 104 wird von Lauterborn in die Carl-Ulrich-Siedlung verlängert. Tausch der Linienäste 104 und 105; die Gelenkbusse verkehren künftig auf der Linie 105 und binden das kundenstarke Ringcenter an.

Angedachten Veränderungen ab 2015/16

Dann die angedachten Veränderungen ab 2015/16: Die Linie 107 endet an der Hans-Böckler-Siedlung. Die 108 wird zur echten Stadtbusringlinie, bindet nicht nur den Hafen mit an, sondern auch Bürgel-Ost entlang des Mainzer Rings und weiter nach Rumpenheim. Abgestimmt mit der Linie 106 gibt es ein neues Angebot am Buchhügel/Lichtenplattenweg für das geplante Polizeipräsidium Südosthessen.

- Der Entwurf des Nahverkehrsplans steht ab heute unter www.nio-of.de/Nahverkehrsplan-2012 zur Einsicht im Internet. Hinweise zum Entwurf können Bürger bis zum 19. Oktober per E-Mail an nahverkehrsplan@nio-of.de oder über die genannte Internetseite an die NiO senden.

Kommentare