Name und Körper der Bieberer Seele

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Bürgermeister, Vaterfigur, Unvergessener: Der „Bieberer“ Adam Marsch.

Offenbach ‐ Niemand hat 1938 die Bieberer gefragt, ob sie nach Offenbach eingemeindet werden wollen. Auch nach 72 Jahren beklagen manche noch den Verlust der Eigenständigkeit. Von Lothar R. Braun

Sie fühlen sich als Opfer, und ihre Trauer hat eine Symbolfigur: den 1933 von den Nazis aus dem Amt gejagten Adam Marsch, den letzten frei gewählten Bürgermeister. Der 1971 Verstorbene blieb populär bis heute. Als der Offenbacher Geschichtsverein dieser Tage im Pfarrheim St. Nikolaus einen Vortrag über Adam Marsch anbot, war der Saal gut besetzt.

Dr. Otto Schlander zeigte auf, wie der aus dem Odenwald stammende Adam Marsch schon als blutjunger Gemeindeschreiber im Bieberer Rathaus Sympathien sammelte. 26 Jahre war er alt, als er 1919 mit einem hohen Stimmenvorsprung seine erste Wahl zum Bürgermeister gewann. Bei der Wiederwahl 1925 gab es dann gar keinen Gegenkandidaten mehr. Und am Tag danach bereiteten ihm die Bieberer ein Volksfest mit Ehrenbaum vor seiner Wohnung, einem Festzug und einem Massenchor, der sang: „Das ist der Tag des Herrn“. Dazu floss Freibier in allen Gaststätten. Der Bürgermeister bezahlte.

Nur die Radikalen sahen in ihm einen Gegner

Man erfuhr von Schlander, mit welchen Verwaltungsakten der junge Bürgermeister Respekt gewann. Seinen Sympathiewerten diente es, dass er keinem der Bieberer Familienklans angehörte. Er kam aus dem Odenwald, und seine Frau hatte er sich klugerweise in Frankfurt geholt. In Bieber stand er allen nahe, als Sozialdemokrat, als praktizierender Katholik, als Beistand sämtlicher Ortsvereine.

Nur die Radikalen sahen in ihm einen gefährlichen Gegner. Kommunisten suchten ihm Beine zu stellen. Die Nationalsozialisten organisierten nach ihrem Sieg von 1933 eine Pogromstimmung gegen Marsch. Es kam zum Tumult vor seinem Wohnhaus. Dabei starb des Bürgermeisters Hund durch einen Pistolenschuss. Den von ihnen selbst geschürten Tumult nutzten die Nazis, Adam Marsch in „Schutzhaft“ zu nehmen. Das war das schönende Wort für Haft im Konzentrationslager. Marsch landete im rheinhessischen KZ Osthofen.

Vergessen sind die Namen seiner nationalsozialistischen Amtsnachfolger zwischen 1933 und der Eingemeindung. Doch 1945, im Chaos des Zusammenbruchs der einst Mächtigen, fiel Adam Marsch sofort wieder eine ordnende und helfende Vaterrolle zu. Sogar einer „Los-von-Offenbach“-Bewegung stellte er sich als Gallionsfigur zur Verfügung.

Zwanzigjährig war er 1913 nach Bieber gelangt

Niemand konnte sich erklären, warum er Anfang der 50er Jahre plötzlich wieder davon abrückte. Seine Popularität hat das nicht geschmälert. Bis zu seinem Tod blieb Adam Marsch die Vaterfigur, die im Gasthaus „Bach-Nikles“ bei Äppelwoi und Zigarre die Weltläufe kommentierte und bei allen Vereinsfesten den Ehrenausschuss anführte.

Zwanzigjährig war er 1913 nach Bieber gelangt. Ein unbekannter Verwaltungsangestellter, den Bieber beim Kreisamt in Offenbach abgeworben hatte. Vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, die Diktatur bis in die Bundesrepublik reicht die geschichtliche Spanne, die in Bieber mit seinem Namen verbunden ist. In dem Mann aus dem Odenwald erhielt die Bieberer Seele einen Namen. Mit ihm wurde sie anfassbar, dabei so zeitlos wie es einer Seele zukommt. „Keine schlechte Leitfigur“ nannte das der Bieberer Otto Schlander.

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