Natur bedeutet Freiheit

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Kunsthistorikerin Kerstin Appelshäuser-Walter (rechts) beleuchtete im Klingspormuseum Rousseaus Vorstellung von öffentlichen Gärten und Parkanlagen. Für Agenda-Aktivistin Barbara Levi-Wach und Museumsleiter Dr. Stefan Soltek ein spannendes Thema.

Offenbach ‐ Der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau hatte eine ziemlich genauer Vorstellung davon, was glücklich macht: Der Mensch gedeihe am besten in der Natur. Dort sei er wirklich bei sich – losgelöst von allem Künstlichen, das ihn seinem wahren Wesen entfremde. Von Denis Düttmann

Deshalb forderte der berühmte Pädagoge und geistige Vater der französischen Revolution öffentliche Grünanlagen im urbanen Raum, natürliche Oasen in den lebensfeindlichen Städten.

Mit diesem Konzept ist Rousseau ganz nah bei den Aktivisten der Lokalen Agenda 21 in Offenbach. Die hatten vor zwei Jahren die Bürger befragt, wie man die Aufenthaltsqualität in der Stadt erhöhen könne, und herausgefunden, dass viele sich schöne Plätze zum Verweilen und mehr Grün im öffentlichen Raum wünschen. „Heute wollen wir uns dem Thema mal auf einer Meta-Ebene nähern“, sagte Barbara Levi-Wach von der Agenda 21. „Die Diskussion um Grünanlagen im öffentlichen Raum ist nämlich bereits so alt wie die Städte selbst, es gibt zahlreiche theoretische Überlegungen zu dem Thema.“ Innerhalb der Vortragsreihe „Auf die Plätze ...“ sei es an der Zeit, sich der Fragestellung einmal intellektuell zu nähern.

Die Kunsthistorikerin Kerstin Appelshäuser-Walter beleuchtete im Klingspormuseum den politischen Aspekt der öffentlichen Gärten und Parkanlagen, der vor allem während der französischen Revolution an Bedeutung gewann. Für Rousseau verkörperten Grünanlagen im städtischen Umfeld das Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der Philosoph verklärte den „edlen Wilden“ und sah in der Natur das einzig wahre Lebensumfeld für den Menschen. „Der Ausblick in die Natur vertreibt alles Unglück“, heißt es in einer seiner Schriften. Und weiter: „Der Gang der Natur zur Führung des Menschen ist allzeit der Beste.“ Er regte an, zur geistig-moralischen Erbauung der Bürger öffentliche Parks und Gärten anzulegen und dort Volksfeste zu feiern.

Die Forderungen Rousseaus wurden nach dem Sieg der Revolutionäre brav umgesetzt“, sagte Appelshäuser-Walter. Wie zahlreiche Flugblätter und Plakate bezeugen, feierten die Menschen im nachrevolutionären Paris tatsächlich große Feste beispielsweise in den Tuilerien, wo sie dem Être suprême – dem höchsten Wesen – huldigten. Eng verbunden mit der Verehrung der Natur war das Gedenken an die in den Revolutionswirren Gefallenen. Da sie für die Verteidigung der unveräußerlichen Naturrechte – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – gestorben seien, gebühre ihnen eine Ruhestätte in der Natur. Beispiele sind die Esplanade des Invalides in Paris und der Altar des Vaterlands in Reims. Folgerichtig dienten Parks gleichzeitig häufig als Paradeplatz. „Man verstand das Militär als Verteidiger der Naturrechte“, so Appelshäuser-Walter.

Auch Soldaten-Kaiser Napoleon sah sich als Jünger Rousseaus und plante nach dem Italien-Feldzug in Rom eine riesige Parkanlage, die von der Piazza del Popolo über den Tiber bis zum Forum Romanum führen sollte. Da die Wiege der Demokratie in der Antike liege, eigne sich das historische Umfeld bestens für eine republikanische Grünanlage.

Die theoretischen Konzepte von damals sind heute natürlich fragwürdig“, erklärte Appelshäuser-Walter. „Aber dem ästhetischen Umfeld unserer Städte würden mehr Parks und Gärten gut tun.“ Klingspormuseumsleiter Dr. Stefan Soltek gab zu bedenken, dass Rousseaus Ideal ein etwas befremdliches Naturkonzept zugrunde liege: „Dieses militärisch Durchorganisierte und klar Strukturierte hat mit dem verklärten Bild der deutschen Romantik nichts zu tun.“ Levi-Wach glaubt dennoch, dass es ein Bedürfnis der Offenbacher nach attraktiven Plätzen im öffentlichen Raum gibt. Das zeige zum Beispiel der große Besucherandrang beim Lichterfest. „Man muss nur ein Angebot machen“, sagte eine Besucherin. „Wenn man Plätze anbietet und gestaltet, werden sie von den Leuten auch genutzt.“

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