Natur inmitten der Stadt

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Die Initiative „Musik im Park“ belebt neuerdings mit ihren Konzerte die historische Anlage am Dreieichring. Das Salonorchester spielte gestern „Kaiser- und andere Walzer“ mit Werken von Johann Strauß, Franz Léhar und anderen.

Offenbach - Die Frankfurter hatten schon Anfang des 19. Jahrhunderts, wovon die Offenbacher noch Jahrzehnte später träumten: eine Promenade im Grünen zum Flanieren und Spazieren rund um ihre Stadt. Von Lis Schulmeister

Zwar umgaben Wiesen, Felder und Gärten das an der Peripherie noch ländlich geprägte Offenbach, doch Ackerwege eigneten sich kaum zum Promenieren. Und die ersten in Kaiser- und Frankfurter Straße angelegten Alleen ließen mit zunehmender Dichte der Wohnbebauung bald nicht mehr das Gefühl vom Aufenthalt in freier Natur aufkommen. Wo der heutige Alleenring seinen Anfang nahm und wie die Offenbacher zu ihrem ersten öffentlichen Park kamen, erzählte die Kunsthistorikerin Christina Uslular-Thiele bei einem von der Volkshochschule angebotenen Spaziergang durch den Dreieichring.

Um den Traum von großzügigen, baumbestanden Wegen entlang des Stadtrands zu verwirklichen, schlossen sich einige Bürger 1840 in einem Verein zusammen. Trotz des privaten Engagements scheiterte das anspruchsvolle Projekt am rasanten Wachstum der Stadt. Denn kaum geschaffen, wichen die Grünanlagen bald neuen Wohn- und Fabrikgebäuden sowie dem Verkehr der Lokalbahn nach Frankfurt.

Nur die Baumreihen am heutigen August-Bebel-Ring blieben bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Weil die Chaussee damals bei Liebespaaren sehr beliebt war, nannte sie der Volksmund die „Seufzer-Allee“. Sie bildete das erste Stück des heutigen Anlagenrings. In ihrem weiteren Verlauf entstand südlich der Frankfurter Straße der Dreieichpark, der älteste öffentliche Garten Offenbachs.

Seine Entstehung verdankt der Dreieichpark einem Unternehmer sowie mittelbar der Borniertheit der Frankfurter Zünfte. Weil sie in ihren Reihen keine industriell gefertigten Wagen und Kutschen duldeten, übersiedelten die Sattlermeister Dick und Kirschten mit ihrer 1782 in Frankfurt gegründeten Firma in die noch dörfliche Nachbargemeinde. Frei von Zunftzwängen etablierten sie 1797 mit der Produktion von Kutschen, Rädern, Achsen und Federn und mehr als 120 beschäftigten Handwerkern einen der ersten großindustriellen Betriebe in Offenbach.

Der spätere Fabrikinhaber Carl Theodor Wecker wollte die international renommierte Manufaktur erweitern. Als neuen Standort für die Werkstätten samt pompöser Privatvilla wählte er den westlichen Stadtrand an der Landesgrenze zu Frankfurt. Gegen anfänglichen Widerstand trotzte der Kommerzienrat 1865 der Stadt das Areal zwischen Frankfurter Straße und der späteren Körner-, Geleits- und Parkstraße ab.

Wenige Jahre später initiierte der Geschäftsmann mit Weitblick die Hessische Landes-Gewerbeausstellung. „Er wollte in- und ausländischen Besuchern zeigen, was Offenbach zu bieten hat“, beschreibt Uslular-Thiele Weckers Motive. Als Ausstellungsgelände für Erzeugnisse der Industriebetriebe und Platz für Vergnügungsangebote bestimmte er das unmittelbar an seinen Besitz angrenzende Brachland südlich der Frankfurter Chaussee.

„So weit weg, kann man ja gleich in den Wald gehen“, murrten die vor allem an freier Natur Interessierten. „Viel zu weit draußen“, protestierten die im Ortszentrum ansässigen Handwerker und Kaufleute. Sie fürchteten, dass Ausstellungsgäste etwa aus Frankfurt nach Aufenthalt am Stadtrand nicht mehr zum Einkauf den weiteren Weg zu den Läden der Innenstadt nehmen würden.

Doch der mächtige Firmenchef setzte sein Ansinnen durch und ermöglichte damit eine bleibende Parkanlage. Denn mit der Industrieschau entstand 1879 zugleich eine gärtnerisch angelegte Landschaft. Attraktion waren unter anderem ein dampfmaschinenbetriebener Springbrunnen und Freiluftkonzerte in einem Musikpavillon. Nach der Messe blieben die Pflanzungen an Ort und Stelle, ebenso die Teiche, Brücken, der Springbrunnen und der Pavillon. So kam Offenbach zu seinem ersten öffentlichen Park.

Seine nur rund 43 500 Quadratmetern große Fläche hatte der Frankfurter Stadtgärtner und Gestalter des „Nizza“ Andreas Weber nach dem damaligen Trend mit heimischen und vielen exotischen Gehölzen bepflanzt. Geschwungene Wege, mehrere Teiche und kleine Brücken, helle Wiesen im Wechsel mit dunkleren Plätzen und Baumgruppen sowie kleine Hügel erweckten den Eindruck einer abwechslungsreichen, weitläufigen und verwunschenen Parklandschaft.

Die ruhige Gegend vermittelte hohe Lebensqualität und Erholungswert. Das Westend avancierte um 1900 zum vornehmen Wohnviertel. Neben dem zweiten Domizil der Wecker-Familie am Dreieichring bauten bald andere Wohlhabende ihre Villen. Aus dem Jahr 1906 stammt das an der Frankfurter Straße befindliche, seinem ursprünglichen Zweck inzwischen nicht mehr dienende Klohäuschen. Die Stadtoberen hatten es gebaut - nach einer heftigen Debatte und der von Bürgern mit Blick auf das alte Wellblech-WC in der Zeitung öffentlich gestellten Frage: „Müssen Klohäuschen immer so hässlich sein?“

Im Zuge der architektonisch aufkommenden neuen Sachlichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Park umgestaltet. Ferdinand Tutenberg begradigte die Wege und ersetze den Musiktempel durch einen Neubau. Standgehalten haben bis heute die Beton-Elemente von der Gewerbeschau.

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