Theater im Ledermuseum

Netter Herr, kleiner Hau

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Oberschwester Kelly (Verena Reimer) und Dr. Sanderson (Tilman Camphausen) mühen sich um Elwood (Simon Isser).

Offenbach - Manche sehen weiße Mäuse. Elwood sieht einen weißen Hasen. Mit „Mein Freund Harvey“ landet der Theaterclub Elmar im Ledermuseum einen Volltreffer auf die Lachmuskeln, so irre wie komisch. Von Markus Terharn 

„Hier müssen unsere Plätze sein.“ Mit ausgesuchter Höflichkeit geleitet Elwood P. Dowd seinen unsichtbaren Freund durch die Reihen. „Sie müssen entschuldigen, wenn Sie nicht so gut sehen. Er hat sehr große Ohren." Ein wirklich reizender Mensch, wäre da nicht dieses Problem, das seine Gesellschaftstauglichkeit stark einschränkt: Er sieht etwas, das du nicht siehst. Oder eben doch. Denn die Zuschauer werden den Karottenmümmler gelegentlich gewahr. Bloß seine Umwelt zeigt sich unempfänglich für dessen Anblick. Indes stellt sich im Verlauf vergnüglicher zweieinhalb Stunden heraus, dass die sympathische Art des Irreseins ansteckt. Für einen Gentleman mit perfekten Manieren ist Elmar-Vorsitzender Simon Isser die Idealverkörperung. Wie er jeden freundlich begrüßt, ihm seine Visitenkarte zusteckt, ihn in die Bar einlädt und Leute einander vorstellt, die sich längst kennen, muss man ihn einfach gern haben. Trotz jenes kleinen Haus, der die Teegäste fluchtartig aus dem Haus und seine Schwester Veta allmählich in den Wahnsinn treibt.

In der zweiten Hauptrolle dieses Broadway-Renners von Mary Chase läuft Wilma Reinhart zu Hochform auf. Anfangs schnippisch und resolut, steigert sie sich zunehmend in komische Verzweiflung. Kein Wunder, dass man im Sanatorium, in das sie den Bruder einweisen will, erst sie ins kalte Bad steckt. Sie bleibt nicht die Einzige am Rande des Nervenzusammenbruchs. Da ist der charmant-schusselige, von Wortfindungsschwierigkeiten geplagte Dr. Sanderson (Tilman Camphausen), der mit der koketten Oberschwester Kelly (Verena Reimer) die Balkonszene aus „Romeo und Julia“ nachspielt. Oder dessen steif-seriöser Chef Dr. Chumley (Dirk Wegmann), den seine Frau Betty (Gabi Thomas) nicht auf dem Boden der Tatsachen halten kann. Schließlich der handfeste, Kaugummi kauende Pfleger Marvin (Tobias Gruhn), auf dessen massive Männlichkeit Dowds liebliche Nichte Myrtle Mae (Ann-Christin Dold) nur zu bereitwillig abfährt.

Regisseure ziehen alle Register

Begabung und Erfahrung mischen sich im Ensemble. Jede Partie kann der Theaterclub angemessen besetzen – die gestrenge Rechtsanwältin (Vera Nießner), die kernige Krankenschwester (Nadine Graf), die burschikose Taxifahrerin (Katrin Burger) und die spinnerte Tante, die jeden für tot hält (Elke Zimmermann). Eine pantomimische Glanzleistung vollbringen die stumme Sängerin (Verena Cors) und ihre stillen Zuhörer (Cora Hellenthal, Anna-Sophie Feldmeier, Annalena Barnickel, Luis Rettig, Viola Borm). Dem Hasen gibt Bianka Rehn putzige Gestalt, auch als lebendes Porträt. Als Regisseure haben Tilman Camphausen und Simon Isser alle Register gezogen. Helga Feuerbach und Susanne Kempf haben Unterstützung als Regieassistentin und Souffleuse beigesteuert.

Hinter der Kulisse wirkten: Werkstatt (Dieter Reinhart, Jürgen Klauke, Michael Kempf, Klaus Thöne, Harald Gille und Tabea Schneider); Technik (Maximilian Rebell, Helmut Büchel, Maximilian Thöne, Verena Hammel und Ricarda Thöne); Maske (Anja Büttner und Christine Klauke); sowie Kostümbildnerin (Marija Vinkovic).

Am Ende hat das Publikum sogar etwas gelernt: Was ist der Unterschied zwischen einem Verrückten und einem Psychiater? Die Ausbildung!

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