Netzbetreiber haften kaum für Stromausfälle

Nur bei grober Fahrlässigkeit

+

Offenbach - Eine Millisekunde kann folgenreich sein. Bleibt der Strom – wie am Montagnachmittag – auch nur eine kaum messbare Zeit weg, greift das in manch empfindliches System ein. Von Thomas Kirstein

Hat dies finanzielle Folgen, darf sich der Strombezieher die Frage stellen, ob sein Netzbetreiber eventuell dafür aufkommt. In der Stadt und Teilen des Kreises wäre das die Energieversorgung Offenbach. Der Stromausfall vom 22. Juli 2013 ist nachweislich nicht der EVO anzulasten. Sprecher Harald Hofmann bestätigt gestern, was er tags zuvor bereits vermutet hat: „Wir waren’s nicht, der Fehler lag bei dem Hoch- und Höchstspannungsnetzbetreiber Amprion.“ Der ist einer der Stromspediteure zu den jeweiligen Stadtwerken. Am Montag fielen in der Umspannanlage Urberach für die schon erwähnte Millisekunde Transformatoren aus. Im Rödermarker Stadtteil wird die Spannung des über eine Freileitung aus Gräfenhausen ankommenden Stroms von 380 000 auf 110 000 Volt und damit jene Spannung vermindert, die bei der EVO ankommt. Die Ursache dieses Trafo-Aussetzers steht noch nicht fest.

Es geht ums Prinzip

Sie würde auch keine große Rolle spielen, wenn es um Regressansprüche ginge. Die bestehen bei Stromausfall-Folgen nämlich so gut wie nicht. Das hat der Offenbacher Theo Büttner erfahren müssen, der seit einer Elektrizitätsunterbrechung im November 2012 mit der EVO und deren Versicherung korrespondiert. Damals hat es im EVO-Umspannwerk Seligenstadt einen Kurzschlussschaden gegeben. Auch in Büttners Hainstädter Wohnung bleibt am 2. November eine Stunde lang der Strom weg. Das bringt die Heizungselektronik derart durcheinander, dass ein Fachmann geholt werden muss. Kosten: 95 Euro.

Dies lässt Büttner nicht verarmen – dem Einzelhandelskaufmann im Ruhestand geht es aber ums Prinzip: Die EVO beziehungsweise deren Netz-Tochter Netrion haben den Schaden verursacht, also müssen sie dafür geradestehen, denkt der 76-Jährige. Der Stromlieferant seines langjährigen Vertrauens übergibt Büttners Forderung seiner Versicherung. Die Badischen Versicherungen erkennen keinen Anspruch. Sie bemühen die sogenannte Niederspannungsanschlussverordnung. Deren Paragraf 18 besagt, dass für eine Haftung die Ursache einer Störung nicht nur im Verantwortungsbereich des Netzbetreibers liegen, sondern „schuldhaft, also zumindest fahrlässig“ verursacht worden sein muss.

Schadensersatz nur bei Verstoß gegen gesetzliche Bestimmungen

Lesen Sie dazu auch:

Für eine Millisekunde war der Strom weg

Was am 2. November 2012 nach Überzeugung der EVO nicht der Fall war. Sprecher Harald Hofmann nennt als Ursache der Seligenstädter Störung eine Materialermüdung. Die sei nicht vorauszusehen gewesen. Nachzuweisen sei jedoch, dass alle Inspektionen innerhalb der vorgeschriebenen Wartungsintervalle ausgeführt wurden. Zuletzt am 12. September, wobei auch eine Wärmebildkamera Verwendung fand. „Trotz aller Sorgfalt: Dass es bei der Stromversorgung absolute Sicherheit geben könnte, gehört ins Reich der Fantasie“, sagt Hofmann. Die EVO unterhält auf 3000 Kilometern Leitungen zehn Umspannwerke, 1200 Trafostationen und 6000 Verteilerschränke.

Schadenersatz, so hört Kunde Büttner, gibt es nur, wenn sein Versorger gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen hat. So sind neben Materialermüdung auch Blitzschlag, Überschwemmung und unachtsamer Baggerbiss nicht versichert. Der Rentner ist indes nicht von seinem Verdacht abzubringen, dass es die Versicherer der Stromversorger nur bei den kleinen Kunden so eng sehen und bei durch einen Ausfall geschädigte Großabnehmern flexibler reagieren. Daran ändert auch nichts, dass die EVO dem treuen Kunden „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“ 50 Euro überwiesen hat.

Zukunft mit Strom: E-Autos

Zukunft mit Strom: Diese E-Autos gibt's schon

Kommentare