Ein Netzwerk gegen Fluglärm

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Es reicht. Der Protest gegen den Fluglärm findet auf Facebook eine neue Plattform – nicht allein für Offenbacher. 

Offenbach (mk) - Gerichtsverfahren, Menschenkette, Resolutionen. Der Protest gegen den Fluglärm kennt viele Formen, in den jüngsten Tagen befeuert vom Streit um die vermeintlich niedrigeren Flughöhen in der Region und einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das ebenso vermeintlich die Rechte von Anwohnern stärkt.

Eine weitere Form für ihren Protest haben Offenbacher gefunden. Waltraud Falkenberg, Susanne Krasselt-Priemer,  Andreas Leonhardt, Steffen Reuß und Frank Weber bündeln ihren Unmut auf der Internet-Plattform Facebook (deutschlandweit etwa 20 Millionen Nutzer).

Seit gestern ist „Offenbacher Erklärung Fluglärm“ online. Dort kann man sich dem Quintett anschließen. Die Fünf sagen: „Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt stehen.“ Sie eint nicht allein der Protest, sondern die Tatsache, dass sie mehr oder weniger direkt unter der Einflugschneise leben. Die Aktion ist wohl als weiteres eindringliches Signal an das Bundesverwaltungsgericht Leipzig zu verstehen, das demnächst über den Planfeststellungsbeschluss des Frankfurter Flughafens entscheiden muss.

Die Offenbacher greifen Bekanntes auf: Auf Grundlage bisheriger Routen und einer weiteren geradlinigen Anflugroute übers Stadtgebiet zur neuen Nordwestbahn wurden die zu erwartenden Fluglärmbelastungen für 2020 berechnet. In diesem Szenario unterliegen die meisten Wohngebiete Offenbachs einer extremen Belastung, die passive Lärmschutzmaßnahmen erfordern. Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen dürfen dort grundsätzlich nicht mehr errichtet und Baugebiete nicht mehr ausgewiesen werden.

Vorgeschlagene aktive Lärmschutzmaßnahmen zur Entlastung stark betroffener Wohngebiete in Offenbach und Umgebung sind laut Fraport AG und Flugsicherung möglich, liegen aber den zukünftigen Planungen zu sogenannten Lärmschutzzonen nicht zu Grunde. Doch wie ist die Realität über den Dächern Offenbachs? Die Initiatoren haben eine Momentaufnahme der landenden Maschinen über Offenbachs Wohngebiete in der lauen Nacht von Sonntag, 4. September, auf Montag, 5. September, gemacht (Quelle: www.forum-flughafen-region.de): Von 22 bis 23 Uhr 24 Maschinen im Anflug, von 23 Uhr bis 0.20 Uhr nochmals 22 Maschinen, 2 Maschinen nutzten den segmentierten Anflug südlich des Stadtgebietes. Laut ihren Informationen wehte der Wind überwiegend mit 5 bis 7 Knoten aus Nordost, da sei normalerweise kein Landeanflug über Hanau, Mühlheim und Offenbach angesagt. „Dennoch wird der gesamte nächtliche Anflug im Osten des Flughafens zu Lasten der bereits vom Fluglärm Hochbetroffenen abgewickelt.“ Unabhängig von diesem besonders drastischen Fall ergeben sich aus den Erfahrungen der letzten Monate folgende Erkenntnisse:

Das Maßnahmenpaket für den aktiven Lärmschutz bringt keine Entlastung für Offenbacher. Die zeige allein die südliche Umfliegung („segmentierter Anflug“), erfolge aber nur nachts zwischen 23 und 5 Uhr und werde nicht von allen Maschinen geflogen.

Tiefere Anflüge als bisher über Offenbach, wie von Anwohnern mit Hinweis auf die Aufzeichnungen des Umwelthauses kritisiert, erhöhen ebenfalls die Fluglärmbelastung.

Nicht wenige Piloten fahren weiterhin ihr Fahrwerk bereits über Offenbach aus und vermitteln damit nicht den Eindruck, zu einem maximalen Lärmschutz beitragen zu wollen.

Die Prognose zur Entwicklung des Fluglärms sei für die betroffene Bevölkerung alarmierend: „Es muss alles getan werden, dieses Szenario abzuwenden. Das bisherige weitgehend statische, auf Bündelung ausgelegte An-und Abflugverfahren ist offensichtlich nicht in der Lage, jetzt und künftig unzumutbare Lärmbelastungen zu vermeiden. Lebensqualität ist für die Zukunft Offenbachs und die Region Rhein-Main ein wichtiges Gut. Eine Begrenzung des Fluglärms zu Gunsten hochbelasteter Bürger ist dazu unverzichtbar. Betriebswirtschaftliche Ziele des Flughafenbetreibers müssen auch im Einklang stehen mit den Grundbedürfnis nach Lebensqualität in der Region.“ Ihre Erkenntnisse, die in Forderungen an Land, Bund, Flugsicherung und Fraport münden:

  • Die Region braucht ein flexibles, intelligentes Flugverkehrsmanagement statt einer Lärmbündelung über Wohngebieten.
  • Der Flugbetrieb muss so organisiert werden, dass die Nacht- und Tagschutzzonen vor dichtbesiedelten Ballungszentren enden, indem für An- und Abflüge die Korridore ausgeweitet werden für mehr räumliche Flexibilität und weniger Hochbelastete. Ziel: absolutes Nachtflugverbot, Vermeidung beziehungsweise Begrenzung der Verkehrsbewegungen über dicht besiedelten Wohngebieten, mindestens aber die Deckelung Dauerschallpegel.

Auch ihrer Meinung nach sind Sofortmaßnahmen notwendig. Für Offenbach und die mit betroffenen Nachbargemeinden heißt das: Nutzung des segmentierten Anfluges im Süden wie im Norden nachts - bis ein absolutes Nachtflugverbot greift - und tagsüber, spätestens mit Inbetriebnahme der neuen Landebahn Nordwest. Sie sagen: „Leider haben in der Politik noch zu wenige erkannt, dass Wahlen nur dann gewonnen werden, wenn erkennbar der Mensch im Zentrum des Handelns steht, unabhängig von der ideologischen Positionierung. Erfreulich, dass jetzt auch die Evangelische und Katholische Kirche in Offenbach dazu positioniert und den aktiven Lärmschutz verlangen. In Wiesbaden und Berlin sitzen diejenigen, die über unser Schicksal entscheiden. Wir Offenbacher als extrem Betroffene können Vorreiter sein für die Region und zeigen, dass wir die besorgniserregende Entwicklung zu Lasten vieler tausend Menschen nicht hinnehmen wollen.“ Wer’s ebenso sieht, soll auf Facebook der „Offenbacher Erklärung Fluglärm“ zustimmen.

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