Netzwerke für Betreuung angemahnt

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Stefanie Hagenlocher, Gesellschafterin des Videotechnik-Anbieters Videor in Rödermark, der Geschäftsführer von Chip 1 Exchange mit Sitz in Neu-Isenburg, Volkan Sanverdi, und Violetta Reimelt von der Firma Vivasenia (von links nach rechts) debattierten über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Netzwerke zur Betreuung von Kindern und mehr Ganztagsschulen fordern Unternehmer aus der Region. Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprachen Stefanie Hagenlocher, Gesellschafterin des Videotechnik-Anbieters Videor in Rödermark, der Geschäftsführer von Chip 1 Exchange, einem Distributor für elektronische Bauelemente mit Sitz in Neu-Isenburg, Volkan Sanverdi, und Violetta Reimelt, die mit ihrer Firma Vivasenia in Rödermark Pflegebedürftige und ihre Angehörigen unterstützt, mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn in der Industrie- und Handelskammer Offenbach.

Was unternehmen Sie in Ihren Firmen, um Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern?

Hagenlocher: Wir haben sehr unterschiedliche flexible Arbeitszeitmodelle. Wir gehen intensiv auf die Bedürfnisse meist der Mitarbeiterinnen ein. Wir ermöglichen Frauen auch nach der Babypause den Wiedereinstieg über eine sehr geringe Arbeitszeit. Das ist einfacher für sie, da Kleinkinderbetreuung ja recht schwierig ist. Aber: Warum müssen denn immer nur die Unternehmer die Ideen haben? Die Ideen könnten doch auch mal von der Stadt kommen. Ich würde es auch schön finden, wenn die Betreuungseinrichtungen mal auf die Firmen zukommen würden und sagen, wo sie konkret Unterstützung brauchen.

Reimelt: Wir sind mit unserem Vivasenia Firmenservice ein Dienstleister für Unternehmen. Wir unterstützen sie, wenn Mitarbeiter oder Angehörige von Mitarbeitern in schwere Krankheits- oder Pflegesituationen geraten. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf hört also nicht bei Kindern auf. Das Pflegethema wird zunehmend brisant. Bei 2,4 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland, von denen Zweidrittel zu Hause versorgt werden, ist das ein ganz heißes Eisen - auch für Mitarbeiter. Sie müssen den Spagat zwischen Pflege und engagierter Arbeit schaffen.

Ist das ein Problem in Stadt und Kreis Offenbach?

Reimelt: Ja, durchaus. Pflegesituationen treten in der Regel recht plötzlich auf. Aber: Jeder zweite Bürger wird statistisch gesehen am Ende seines Lebens ein Pflegefall sein. Eigentlich müsste man sich mit der Thematik Pflege durchaus frühzeitig auseinander setzen. Man tut es aber nicht. Tritt der Fall ein, besteht für den Mitarbeiter ein großer Informations- und Handlungsbedarf, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Es gibt gute Anlaufstellen. Es gibt gute Sozialstationen. Dennoch ist es für den Einzelnen sehr schwierig, alle vorhandenen Angebote zu ermitteln, zu bewerten und für den zu Pflegenden und die Angehörigen die für den individuellen Fall möglichst optimale Lösung zu finden. Wir haben vor zwei Jahren angefangen, Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet anzusprechen und ihnen unsere Hilfe angeboten. In großen Unternehmen waren wir relativ schnell erfolgreich. Sie haben die Probleme ebenso wie die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erkannt und möchten ihren Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ermöglichen. Konkret erhalten der Mitarbeiter und seine Angehörigen von uns ein großes Spektrum an Informationen und Beratung rund um das Thema Pflege, inklusive Auflistungen von ambulanten, stationären und teilstationären Pflegeeinrichtungen - unter Berücksichtigung von Wartezeiten, Ansprechpartnern und darüber hinaus die Möglichkeit, sich mit uns auszutauschen. Das erspart dem Mitarbeiter viel Zeit und dadurch wird ihm und seinem Arbeitgeber enorm geholfen. Die Dankbarkeit der Mitarbeiter ist wirklich sehr groß.

Aber noch ein Wort zur Kinderbetreuung: Wir geben in Deutschland wahnsinnig viel Geld für den Sozialhaushalt aus. Bei den Angeboten für Betreuung gibt es dennoch große Defizite. Deshalb sollte in der Region intensiver über Netzwerke nachgedacht werden. Das ist sehr, sehr wichtig. Kleine Unternehmen können es sich nicht leisten, Kinderbetreuung anzubieten. Firmen aus der Region könnten sich zum Beispiel zusammentun und Plätze für die Nachmittagsbetreuung in einem Kindergarten buchen.

Sanverdi: Investmentbanker in Frankfurt gehen diesen Weg. Die Idee finde ich sehr gut.

Hagenlocher: Das Problembewusstsein ist Mittelstand oft noch nicht so stark vorhanden. Dort denkt man häufig, dass die Frauen eh nur halbtags arbeiten wollen. Meine Erfahrung ist aber, dass sich die Frauen gar nicht trauen, länger arbeiten gehen zu wollen, solange das Betreuungsangebot nicht vorhanden ist. Also, steigt das Angebot der Kinderbetreuung, wächst damit gleichzeitig das Bedürfnis der Frauen länger zu Arbeiten.

Reimelt: Wir sind in Deutschland bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zum Beispiel im Vergleich zu Frankreich, eine Dienstleistungswüste und haben großen Nachholbedarf. Deswegen ist es für Frauen mit Familie nicht selbstverständlich, ganztags berufstätig zu sein.

Hagenlocher: Wir brauchen Ganztagsschulen mit einem qualifizierten Hausaufgaben- und Förderteil. Das ist ganz wichtig. Und wir brauchen auch längere Öffnungszeiten bei den Kindergärten. Das wäre ein Traum.

Sanverdi: Ich finde die Idee sehr gut. Eltern sollten die Möglichkeit haben, ihre Kinder in eine Ganztagsschule zu schicken. Das ist für den Nachwuchs sicherlich besser. Auf diese Weise könnte man viel für die Bildung in Deutschland erreichen.

Reimelt: Ich finde auch das Thema Ferienbetreuung ganz wichtig. Es gibt Gegenden in Deutschland, die das für ihre Region anbieten. Je mehr Unternehmer sich beteiligen, desto besser können die Angebote werden. Die Nachfrage ist da. Das Thema könnte sich auch unsere Region auf die Fahnen schreiben.

Herr Sanverdi, was tut Ihr Unternehmen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Sanverdi: Wir haben den Vorteil, dass ein Großteil unserer Mitarbeiter im Vertrieb tätig ist. Sie sind vor allem am Telefon tätig. Wir geben Mitarbeitern kurz nach der Geburt eines Kindes die Möglichkeit, von zu Hause aus weiter zu arbeiten. Die Mitarbeiterinnen können sich entscheiden, wie viele Stunden sie arbeiten wollen. Die Motivation ist, dass sie auf einer Provisionsbasis angestellt sind. Später können die Mitarbeiterinnen in Teilzeit arbeiten. Bisher war das Konzept ein Versuch. Er ist aber sehr gut verlaufen. Die gleiche Option würden wir den Mitarbeitern bei Pflegefällen anbieten, wenn dies mit dem Unternehmen vereinbar ist.

Welchen Stellenwert hat eine familienbewusste Unternehmensführung für sie?

Hagenlocher: Ich denke da an die work-life-balance. Ich verstehe darunter die Ausgewogenheit zwischen Familie und Beruf. Die Mitarbeiter sollten beispielsweise nicht zu viele Überstunden machen, so dass sie auch Zeit für ihre Familien haben. Wir dürfen unsere Mitarbeiter auch über einen längeren Zeitraum fachlich und zeitlich nicht überfordern. Und natürlich müssen wir Frauen und Männern Teilzeitmöglichkeiten eröffnen.

Ist der Mittelstand flexibler als große Unternehmen?

Hagenlocher: Uns Mittelständlern fällt es schwerer, flexible Arbeitszeiten zur Verfügung zu stellen, weil wir kleinere Abteilungen haben.

Reimelt: Mittelständler sind in der Regel familienbewusster. Sie kriegen Probleme ihrer Mitarbeiter und der Familien hautnah mit und fühlen sich als Unternehmer in der Verantwortung.

Hagenlocher: Da wir als mittelständisches Familienunternehmen eine sehr hohe Mitarbeiterorientierung haben, gibt es bei uns kein Programm für Familienfreundlichkeit. Das wird individuell und von Fall zu Fall geregelt.

Herr Sanverdi, familienbewusste Unternehmenführung?

Sanverdi: Sie hat einen hohen Stellenwert für uns. An erster Stelle steht natürlich die Wirtschaftlichkeit. Sonst könnten wir uns die Unterstützung für Familien gar nicht leisten. Jeder Mitarbeiter muss privat und in der Firma zufrieden sein, um volle Leistung zeigen zu können.

Wie sieht die Situation für Alleinerziehende aus?

Reimelt: Alleinerziehend und dann noch ein Pflegefall in der Familie - wir erleben diese Biografien sehr häufig. Unternehmen stehen in diesem Zusammenhang vor ganz anderen Herausforderungen als vor 20, 30 Jahren und von den Arbeitnehmern wird in der global vernetzten Welt hohe Flexibilität gefordert. Ein Alleinerziehender muss heute die Betreuung von Kindern und die Pflege von Angehörigen oft unter einen Hut bringen. Somit hat der Arbeitgeber, ob er will oder nicht, eine zusätzliche soziale Verantwortung.

Hat die Elternteilzeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert?

Hagenlocher: Meine Erfahrung ist, dass es Männern meist schwerer fällt, von ihrem Job los zu lassen, auch weil die gesellschaftliche Akzeptanz dafür noch nicht so stark vorhanden ist.

Sanverdi: Ich denke, es wird in der Gesellschaft schon akzeptiert, wenn Männer die Elternteilzeit nutzen. Vor 15 Jahren war das noch undenkbar. Es gibt immer mehr moderne Männer, die diese Möglichkeit nutzen.

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