Zwischen Hafeninsel und Nordend

Zwei filigrane Brückenschläge

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Schöne neue Brückenwelt: Die beiden Bauwerke, hier die Autobrücke, sollen sich in ihrer „bewusst zurückhaltenden“ Architektursprache in das neue Hafenviertel einfügen. Sie kommen mit wenigen Stützen aus, die analog zu den bestehenden Anlegepfählen (sogenannte Dalben) angeordnet sind.

Offenbach - Hafeninsel und Nordend rücken näher zusammen. Gestern legte der Oberbürgermeister den Grundstein für zwei neue Überführungen. Horst Schneider ist zufrieden. Die mitunter belächelte „Vision“ des neuen Stadtteils werde Realität. Von Martin Kuhn 

„Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehn...“ Auch wenn es im Offenbacher Hafen lediglich zwei Brücken sind, passt der Titel der Ex-DDR-Band Karat. „Unsere Vision eines neuen Stadtteils wird Realität“, jubelt der Oberbürgermeister vor Investoren, Unternehmensleitern, Architekten und Journalisten.  Bei der gestrigen Grundsteinlegung für die Hafenbecken-Querungen machen sich hingegen die Lokalpolitiker rar. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Die Aufmerksamkeit lenkt Horst Schneider ungewollt bereits vor dem offiziellen Termin auf sich. Wie immer mit dem Fahrrad unterwegs, übersieht er die provisorische Öffnung im Bauzaun und legt in letzter Sekunde eine quietschende Vollbremsung hin. Sein Reifenabrieb ziert nun den Radweg. Das ungewollte Manöver bremst ihn nicht bei der optimistischen Einschätzung für ein prosperierendes Hafenquartier. Dazu zählt Horst Schneider den tags zuvor verkündeten Projektbeschluss zum Bau von Hafenschule und Kita, die ersten 200 Bewohner in den ABG-Häusern und den Fortschritt beim Firmensitz des französischen Baustoff-Unternehmens Saint-Gobain.

Profaner Akt mit viel Symbolkraft

Die aktuell „etwas unwirtliche“ Umgebung mit Erdaushub, Baumaterial und Kränen lasse erahnen, was dort dereinst entstehen werde, schwärmt der Oberbürgermeister. Das leuchtet ein, schließlich ist damit stets die Hoffnung verknüpft, einen Strukturwandel zu erreichen und somit die Einnahmeseite der Kommune (Gewerbe- und Lohnsteuer) zu steigern. So wird auch verständlich, dass selbst einem profanen Akt der Grundsteinlegung für zwei Brücken viel Symbolkraft beigemessen wird. Sie stehen sinnbildlich für den Weg in eine bessere Zukunft.

Und ab dafür: Oberbürgermeister Horst Schneider, Mainviertel-Chefin Daniela Matha und Architekt Kai Otto „versenken“ die obligatorische Hülse im Brückensockel.

Ähnlich sieht es ist Daniela Matha. Die Bauingenieurin ist seit 2001 in leitender Funktion mit den Planungen für den Hafen befasst und sagt: „Die Brücken stellen für uns auch einen sinnbildlichen Übergang vom Main in die Innenstadt dar.“ Aber auf der Hafeninsel ist doch noch gar nichts... Der Brückenschlag zu diesem frühen Zeitpunkt sei mit Bedacht gewählt, kontert Matha: „Es bringt jetzt Sicherheit für die Investoren, später weniger Schmutz und Baulärm für die Anwohner, wenn wir den zweiten, zur Hafenspitze gelegenen Bauabschnitt entwickeln.“

Es ist eine der größten Investitionen, die die Stadtwerke-Tochter OPG in die Infrastruktur des neuen Stadtviertels steckt. Für rund 5,5 Millionen Euro werden zwei parallele Bauwerke – davon eins nur für Fußgänger und Radfahrer – über das Hafenbecken gespannt. Um eine möglichst große Spannweite und geringe Materialhöhe zu erreichen, wurden acht Stützen im Wasser angeordnet (analog zu den bereits bestehenden Dalben), die den Freizeitbootsverkehr und die Wasserpolizei nicht stören.

„Einschwimmen“ der Carl-Ulrich-Brücke

Ganz selbstverständlich lagert die „papierdünne“ Autobrücke zwischen den beiden Ufern. „Da das Hafenbecken ohne Brücken viel toller aussieht, wollten wir sozusagen ein ,Nichts’ bauen“, erläutert Kai Otto die Idee des Architekturbüros schneider+schumacher. So könne von jeder Stelle der Gesamteindruck des Hafens und der Blick auf die Frankfurter Skyline erlebt werden.

Auf der Inselseite verbindet eine Treppenanlage den tiefer liegenden Sonnensteg und das Hochufer mit der Straßenebene, auf der Südseite setzt die Brücke auf der Höhe des bestehenden Radwegs an. Das Brückengeländer besteht aus einem Handlauf aus Stahl, in den eine LED-Lichtleiste integriert wird, die für die notwendige Bodenbeleuchtung für Fußgänger sorgt und darüber hinaus die Brücke nachts als präzise Linie in Szene setzt. Für die weiter östlich im Hafenbecken liegende schmale Fußgängerbrücke werden die gleichen Gestaltungsprinzipien angewendet.

Neue Carl-Ulrich-Brücke schwimmt

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