Neue Chefin fürs Finanzamt

Knirschen im Steuergetriebe

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Beim gestern zelebrierten Wechsel an der Spitze des Finanzamts Offenbach I hörten die rund 250 Gäste im Mariensaal nicht nur feierliche Töne. Staatssekretär Horst Westerfeld (rechts) verabschiedete Dierk Friedemeyer und begrüßte Renate Leutke-Stegmann.

Offenbach - Es war ein Wachwechsel, unterlegt mit dem erwarteten Lob und einer unerwarteten, höflich formulierten Abrechnung. Von Matthias Dahmer

Bei der Amtseinführung der neuen Chefin des Finanzamts Offenbach I, Renate Leutke-Stegmann, und der Verabschiedung ihres Vorgängers Dierk Friedemeyer kritisierte Personalratsvorsitzender Heinz Seipel gestern die Arbeitsbedingungen in der Steuerverwaltung und ließ durchblicken, dass man dem scheidenden Chef offenbar keine Träne nachweint.

„Genießen Sie ihren Ruhestand, wir tun das auch ein bisschen“, schloss Seipel seine launige Rede. Die Zusammenarbeit mit Friedemeyer, hatte er zuvor die rund 250 Zuhörer im Mariensaal wissen lassen, sei selten einfach gewesen. Den Führungsstil des langjährigen Vorstehers bezeichnete er als „old school“. Kein gutes Haar ließ der Personalratschef an den „von der Politik geschaffenen Rahmenbedingungen“ wie etwa die 42-Stunden-Woche für die Finanzbeamten. Hessen sei das einzige Bundesland, das so etwas den Mitarbeitern noch zumute. Eindrücklich schilderte Seipel den „Kampf mit der EDV“. Die Beschäftigen würden zu „Testern nicht ausgereifter Programme“. Es sei wie ein Sechser im Lotto, wenn eines der Programme länger als eine Woche problemlos laufe. Hinzu komme, dass die Software etwa bei Betriebsprüfungen nicht kompatibel sei, das führe zu „suboptimalen Ergebnissen“.

Feierliche Amtseinführung

Den Reigen der feierlich gestimmten Redner hatte zuvor Staatssekretär Horst Westerfeld, Bevollmächtigter für E-Government und Informationstechnologie des Landes, eröffnet. Er bescheinigte der 61-jährigen Juristin Leutke- Stegmann Fach- und Führungskompetenz, welche sie in der Vergangenheit bereits als Vorsteherin vier anderer hessischer Finanzämter (Dieburg, Friedberg, Frankfurt IV und Frankfurt III) unter Beweis gestellt habe. In Offenbach ist sie keine Unbekannte: So war sie hier von 1982 bis 1987 Sachgebietsleiterin, später ständige Vertreterin des Vorstehers.

Im Amt als Chefin von Offenbach I ist die mit dem Wiesbadener Finanzamtschef verheiratete Mutter zweier Kinder seit 1. September. 17 Jahre lang war der 62-jährige Jurist Dierk Friedemeyer Vorsteher des Finanzamts Offenbach I. Nach dem Abitur an der Rudolf-Koch-Schule, Studium in Frankfurt und mehreren Finanzamtsstationen, übernahm er 1996 den Chefsessel in der Offenbacher Steuerverwaltung. Seit 31. Juli ist er in der Freistellungphase der Altersteilzeit. Staatssekretär Westerfeld wünschte ihm nun mehr Zeit für seine Hobbys Tennis, Golf und Wandern.

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In ihrer launigen Rede zu ihrer „fünften Amtseinführung“ beschränkte sich die neue Vorsteherin auf Dankesworte und erinnerte an ihre Zeit in Offenbach. Zugleich bekannte sie: „Ich bin nach Hause gekommen.“ Ein Redebeitrag des Pensionärs Dierk Friedemeyer war gestern im Programm nicht vorgesehen. Er hatte schon vor einigen Tagen in einer Pressemitteilung seine Gedanken zur Situation der Steuerverwaltung dargelegt. Darin plädiert er unter anderem für mehr Transparenz bei Betriebsprüfung und Steuerfahndung.

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