Mittels falscher Versprechen

Kriminelle Clans verschaffen sich Zugang zu Wohnungen

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Der telefonische Kontakt der späteren Opfer mit den angeblichen Ankäufern ist „der erste Schritt in die Wohnung der alten Leute“, sagt die Polizei.

Offenbach - Die Polizei spricht vom Beginn einer Serie: Kriminelle Clans treten via Ankauf-Annoncen in Kontakt mit Senioren und kaufen ihren Opfer später in deren Wohnung zu Billigstpreisen Wertsachen ab. Rechtlich sind die Fälle heikel, aber man kann sich schützen. Von Matthias Dahmer

Für jene, die aus finanzieller Not oder nach dem Ausmisten des Kellers etwas versilbern wollen, klingen die Anzeigen verlockend: „Experte sucht Möbel, Bilder, Pelze, alte Teppiche, Zinn, Uhren, Puppen, Münzen, Briefmarken. Absolute Höchstpreise. Zahle sofort vor Ort.“ „Natürlich gibt es darunter auch seriöse Angebote, doch oft verbergen sich hinter solchen Anzeigen kriminelle Banden, die nur auf Schmuck aus sind“, sagt Katja Nau, die bei der Offenbacher Kripo für Taschen- und Trickdiebstahl zuständig ist. Meist sind Senioren die späteren Opfer, deren Anruf beim vermeintlichen Aufkäufer ist „der erste Schritt in die Wohnung der alten Leute“, so Nau. Gleich beim ersten Telefonat wird ausgelotet, was zu holen ist.

Sind die Ankäufer erst mal in der Wohnung, werden die Senioren massiv bedrängt und überrumpelt, erhalten für ihren wertvollen, teilweise mehrere tausend Euro teuren Schmuck am Ende nur 50 oder 100 Euro (siehe nebenstehenden Bericht eines Opfers). „Das hinterlässt einen großen psychischen Schaden bei den Betroffenen. Oft sprechen sie aus Schamgefühl mit niemandem darüber“, weiß Katja Nau. Die Dunkelziffer bei diesem sogenannten Wohnungszugangstrick, sei entsprechend hoch. Aktuell bearbeitet Nau zwei Fälle aus dem Landkreis. Eines der Opfer, das 83 Jahre alt ist, wurde mehr als eineinhalb Stunden bedrängt, ehe es die Wertsachen herausgab.

Die Abzocke der alten Leute ist kein regionales Problem. Wie Daniel Sitzmann, bei der Kripo Experte für Bandenkriminalität, berichtet, stehen hinter den Anzeigen oft bestens organisierte Clans, die bundesweit agieren und arbeitsteilig nach Regionen vorgehen. Die jeweiligen Sippen sind ebenfalls hochgradig organisiert und mobil. „Das gibt es Fahrerteams, Arbeitsteams und Frauenteams, die sich um die Kinderbetreuung kümmern“, so Katja Nau.

Die gängigsten Tricks der Diebe

Rechtlich sind die Taten auf dem Feld des Wohnungszugangstricks schwer zu fassen, bewegen sie sich doch am Rande der Legalität. Raub scheidet aus, da den Opfern keine Gewalt angetan wird und sie auch nicht im üblichen Sinne bedroht werden. Bleibt Diebstahl, also die reine Wegnahme. Doch auch das ist schwierig nachzuweisen, da die Opfer ja einige Euro für ihre Wertsachen erhalten. „Deshalb kommt es immer auf den Einzelfall an“, so Henry Faltin, Chef der Pressestelle im Polizeipräsidium Südosthessen. Er betont: „Wir gehen mit diesen Fällen erstmals an die Öffentlichkeit.“

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Weil die schwarzen Schafe unter den Aufkäufern so schwer auszumachen sind, stecken die Medienhäuser, die deren Anzeigen entgegennehmen, in einer Zwickmühle: Vollkommen ablehnen ist ebenso problematisch wie bedingungsloses Annehmen. Unser Medienhaus hat deshalb Sicherheitsmaßnahmen bei der Anzeigenannahme eingeführt, durch die die Identität der Inserenten eindeutig nachgewiesen werden kann, was die Polizei sehr begrüßt.

Doch auch die potenziellen Opfer können sich schützen. „Im Idealfall keine Haustürgeschäfte abschließen“, rät Daniel Sitzmann. Wenn es doch dazu kommt, sollten einige Regeln beachtet werden. Und wer übers Ohr gehauen wurde, sollte sich einem Verwandten oder Freunden anvertrauen. Weitere generelle Infos zum Schutz vor Tricks und Straftaten gibt es unter: www.polizei-beratung.de

Die Kriminalpolizei rät:

Die Fachleute der Offenbacher Kripo geben Tipps, wie Senioren sich vor den Tricks der Betrüger schützen können: „Wir raten, überhaupt keine Geschäfte an der Haustür abzuschließen“, sagt Kriminalhauptkommissar Daniel Sitzmann. Besser sei es, die Wertgegenstände, die man verkaufen möchte, in Goldhäuser oder Antiquitätenläden zu bringen. Wenn es doch zum Haustürgeschäft kommt, gilt folgendes:

  • nie den Verkauf alleine tätigen
  • den Ausweis zeigen lassen
  • eine Quittung mit korrektem Datum und leserlichem Namen geben lassen
  • notfalls die 110 oder – wenn vorhanden – den Hausnotruf wählen.

Wenn man doch von den dubiosen Aufkäufern überrumpelt worden ist, sollt man auf keinen Fall aus Schamgefühl schweigen. „Vertrauen Sie sich einem Verwandten oder Freunden an“, so der Rat.

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