Neue Option für Straßenbau

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Beim Kaltrecycling wird aus der bestehenden Straße samt Untergrund eine bis zu 20 Zentimeter starke Tragschicht für die neue Fahrbahn gebaut.

Offenbach - Den Autofahrer ärgert’s eigentlich immer: Verwandeln sich Straßen in Schlaglochpisten, fordern sie eine grundlegende Sanierung. Rücken die Baufirmen an, meckern sie über Behinderungen und Staus: „Das bisschen Asphalt, das geht doch schneller. . .“ Von Martin Kuhn

Darüber können Verwaltung und Fachfirmen kaum noch lächeln. Straßenbau ist eine Wissenschaft für sich. Experten kamen in Offenbach zusammen, um am Stummel der B 448 ein besonderes Verfahren zu begutachten: das sogenannte Kaltrecycling.

Komplett neu ist es nicht, es findet bislang aber vor allem außerhalb geschlossener Ortschaften Anwendung. Ob sich die Methode in Offenbach bewährt, muss sich zeigen. ESO-Sprecher Oliver Gaksch sagt: „Es ist zumindest eine weitere Option.“ Und diese zieht die Stadt derzeit zwischen Bundesstraßen-Stummel und Wohngebiet Waldheim-Süd. Es ist begründet im Verfahren. Ist das Straßenniveau höhengebunden, funktioniert es nicht. Das heißt: Bordsteine, Ein- und Ausfahrten, Schächte, Einläufe und Schieber sind im Weg; letztlich alles, was für die Ver- und Entsorgung in einer Stadt notwendig ist. „Hier im Mühlheimer Weg passt das, da haben wir nur drei Deckel. Die sind dafür zurückgebaut“, so ESO-Abteilungsleiter Werner Schultheis.

Das System, das die Firma Kutter Spezialstraßenbau vorführt, hat etwas für sich. Kurz: „Das Herstellen einer hochwertigen Tragschicht im Kaltverfahren durch die Aufbereitung der vorhandenen Fahrbahnbefestigung“, wirbt die Hanauer Firma auf ihrer Internet-Präsenz. Es ist eine imposante Maschine, die im gemächlichen Schritttempo über die Straße rumpelt. Der Untergrund, auf dem zuvor ein Laster Zement aufgeschüttet hat, wird mit einer Fräse aufgerissen – wie tief, bestimmt der Fahrer auf den Zentimeter genau. Das Material wandert direkt in den Bauch des roten 80-Tonnen-Gefährts, wird dort auf eine bestimmte Korngröße verkleinert, mit einer Bitumen-Emulsion gemischt und sofort wieder eingebaut. Vorne rein, hinten raus: Fertig ist ein tragfähiger Untergrund.

Die einen bezeichnen es als Fundationsschicht, andere als Kaltrecyclingschicht. Fest steht: Um es zur Fahrbahn zu machen, muss noch eine Asphaltschicht mit dem Fertiger aufgebracht werden. Wie stark diese wird, bestimmt der Auftraggeber, aber auf jeden Fall wird die Straße entsprechend höher. Die Vorteile des Kaltreycylings: Ausbau, Entsorgung des alten Belags und Transporte entfallen. Unter rein ökologischen Gesichtspunkten ist das Verfahren wohl unschlagbar...

„Ja, aber der Auftraggeber muss genau wissen, was er möchte“, betont Schultheis. Und da inzwischen etliche Kommunen mit permanent leeren Kassen zu kämpfen haben, ist ein wirtschaftlicher Blick ebenfalls notwendig: Wie ist der Untergrund beschaffen? Gibt es schon sichtbare Schädigungen? Für welche Verkehrsmengen wird gebaut? „Danach“, so der lokale Experte, „richtet sich das Verfahren.“ Und die sind recht unterschiedlich, wie das aktuelle Vorgehen des Stadtdienstleisters zeigt: etwa eine Ersatz-Asphalt-Decke (EAD) in der Dietzenbacher Straße oder der Dünnschicht-Kalt-Belag (DSK) im Bischofsheimer Weg.

Eine erste Grundlage hat der Stadtbetrieb 2009 geschaffen mit einem Straßenkataster, das die Schäden aufzeigt im etwa 220 Kilometer langen Offenbacher Straßennetz. Dabei wurde unter anderem alles per Kamera dokumentiert. Steht eine Sanierung an, untersuchen Ingenieur-Büros den Unterbau genauer, um exakte Aussagen machen zu können: „Erst dann bestimmen wir das Verfahren“, so Schultheis.

Am Mühlheimer Weg, wo’s um gut 4500 Quadratmeter geht, hat sich die Stadt nach reiflicher Überlegung fürs Kaltrecycling entschieden – auch aus Kostengründen: „Einen Vollaufbau hätten wir niemals bezahlen können.“ Der hätte ungleich länger gedauert – gut zwölf Wochen, schätzt der Experte. Die Hanauer Firma, die europaweit tätig ist, schafft’s per Kaltrecycling in etwa zwei...

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