EVO irritiert mit umgestelltem Tarifsystem

Neue Preise für Fernwärme ärgern Kunden

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Offenbach - Neulich ging das Bundeskartellamt ins Gericht mit Gaskunden: Weil sie nicht häufig genug den Anbieter wechselten, verzichteten sie auf ihre Marktmacht. Von Thomas Kirstein 

Wer auf Fernwärme setzt, hat solche Probleme nicht: Er ist sozusagen der Preisgestaltung seines Versorgers ausgeliefert. Seit Ende vergangenen Jahres ist unter der Fernwärme-Kundschaft der Energieversorgung Offenbach (EVO) Gegrummel über steigende Kosten zu vernehmen. Das könnte sich verstärken, wenn Mieter ihre Nebenkostenabrechnungen erhalten. Auslöser ist eine Umstellung bei der Gewichtung der Preisbestandteile: Der konstante, vom Anschlusswert abhängige Grundpreis geht runter, der verbrauchsabhängige Arbeitspreis nach oben. Die EVO hält das für gerechter. „Wer wenig verbraucht, zahlt weniger“, sagt Sprecher Harald Hofmann und betont, dass man weiterhin einer der preisgünstigsten Anbieter in Deutschland sei, die Steigerung im Durchschnitt nur acht Prozent betrage und es zuvor viermal hintereinander eine Preissenkung gegeben habe.

Tatsächlich zahlen einige Ferngewärmte künftig weniger, viele das Gleiche wie bisher, etliche aber saftig mehr. Der Offenbacher Albert Blume spricht für eine Bauherrengemeinschaft, die als ein einzelner EVO-Kunde in zwei Liegenschaften für mehrere Wohnungen zuständig ist. Die Ankündigung der „Anpassung des Fernwärme-Preissystems“ bringt Blume auf die Palme. Der Versorger schreibt ihm: „Die veränderten ökonomischen und energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwingen uns dazu, das bestehende Preissystem an die aktuellen Marktbedingungen und die veränderte Einsatz- und Kostenstruktur der Wärmeerzeugung anzupassen, um Sie auch weiterhin mit Wärme versorgen zu können.“

Die neue Regelung bedeute für ihn zudem ein hohes Maß an Flexibilität, da er seine „Energiekosten verursachungsgerechter steuern“ könne. Soll heißen: Jedes Grad mehr bedeute Euros weniger. Blume muss davon nur alle Mieter überzeugen.

Er hat ausgerechnet, was sich für seine Einheiten entsprechend dem Vorjahrsverbrauch insgesamt verändern wird: 2201,29 Euro betrug die jüngste Rechnung, nach Umstellung wären es 2772,89 Euro in dem als günstige Alternative empfohlenen Tarif EVO Komfort. Klaus Dietz teilt Blumes Schicksal. Er lässt neun Wohnungen am Mathildenplatz mit Fernwärme beheizen und hat ausgerechnet, dass für seine Mieter ein Aufschlag von 21 Prozent herauskommt: von 6090 auf 7400 Euro. „Mit Gas“, sagt er, „wär’s auch nicht teurer.“

2000 Fernwärme-Kunden zählt die EVO in Offenbach, Heusenstamm, Dietzenbach und Gravenbruch. Von der Tarifumgestaltung positiv oder negativ betroffen sind jedoch weitaus mehr Verbraucher. Denn wie in den beiden Fällen beschrieben, kann eine Rechnungs-Adresse mehrere Mieter betreffen; so das größte Wohnungsunternehmen der Stadt, die Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach (GBO). Diese eine Kundin allein steht für 1540 Fernwärmebezieher. Deren Verbrauch wird individuell ermittelt.

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Zahlen liegen noch nicht vor, aber der kaufmännische GBO-Prokurist Clemens Rosenberger schätzt, dass es per Saldo zu einer Erhöhung um die fünf Prozent kommen wird. „Die meisten zahlen mehr, es wird aber auch ein paar Liegenschaften geben, die besser wegkommen“, schätzt er. Immerhin sei das neue EVO-Preissystem insofern tatsächlich „verursachungsgerecht“, als es dem Mieter die Möglichkeit eröffne, durch Minderverbrauch zu sparen. Was große und kleine Fernwärmekunden allerdings nicht können: Preise vergleichen und gegebenenfalls den Anbieter wechseln.

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