Neue Strategie gegen Hirntumor

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Die modernen bildgebenden Verfahren geben detaillierte Informationen darüber, was sich im Schädelinneren tut.

Offenbach - (sjm) Eine tückische Krankheit: Der Hirntumor bleibt dem Betroffenen oft lange Zeit verborgen, da er zunächst keinerlei Beschwerden verursacht.

Die durchschnittliche Überlebenszeit liegt bei etwas mehr als einem Jahr, die Fünf-Jahres-Überlebensrate unter fünf Prozent - und dies trotz intensiver Forschungen. Deshalb gewinne die Frage nach der optimalen Behandlung ein besonderes Gewicht, sagt Privatdozent Dr. Peter Ulrich, Chefarzt der Neurochirurgie am Klinikum Offenbach. Zusammen mit seinen Kollegen will er die Behandlung von Hirntumorpatienten in der Region optimieren. Das Neuro-Onkologische Zentrum am Starkenburgring möchte entscheidende Fortschritte in der Verlängerung der Lebenszeit und der Verbesserung der Lebensqualität der Erkrankten erreichen. Neurochirurgie, Neurologie, Strahlentherapie, Pathologie, Radiologie und das Ambulante Onkologische Zentrum arbeiten enger zusammen, in einem wöchentlichen „Tumorboard“ besprechen alle beteiligten Fachrichtungen jeden Fall, entscheiden gemeinsam über die Therapie.

Im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen sind Hirntumore selten. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa zwei bis drei pro 100 000 Personen an einem „Glioblastoma multiforme“, der beim Erwachsenen häufigsten Hirntumorform. Hinweise auf einen Hirntumor können häufig wiederkehrende starke Kopfschmerzen, Schwindel und Erbrechen, Lähmungserscheinungen, beeinträchtigtes Seh- und Hörvermögen oder zunehmende Persönlichkeitsveränderungen sein. Ulrich: „All dies kann aber auch andere Ursachen haben, eine sorgfältige Abklärung ist unbedingt nötig.“

Wenn irgend möglich, sollte der Tumor vollständig entfernt werden. Ob ein Eingriff sinnvoll und machbar ist, hängt von vielen Faktoren ab: Lage des Tumors, Tumorart, Gesamtzustand des Patienten. „Je vollständiger ein bösartiger Hirntumor entfernt werden kann, desto besser die Prognose“, sagt Dr. Ulrich.

Unterscheidung von gesundem Gewebe und Tumorgewebe nicht leicht

In Offenbach unterstützen moderne Techniken wie Neuronavigation (computergestützte Positionsbestimmung der Instrumente im Inneren des Schädels) und Neuromonitoring (Überwachung der Funktion von Nerven) den Chirurgen bei seiner Arbeit. Das Unterscheiden von gesundem und Tumorgewebe fällt beim Hirntumor nicht leicht. Daher stellt die Fluoreszenz-unterstützte Hirntumorentfernung einen Durchbruch bei der chirurgischen Behandlung dar. Dabei wird das Tumorgewebe durch bestimmte Substanzen eingefärbt, so dass es unter einem Speziallicht im Operationsmikroskop vom umgrenzenden gesunden Gewebe deutlich zu unterscheiden ist. „Die Einführung neuer bildgebender Verfahren vor und während der Operation, Verbesserungen der Mikro-Neurochirurgie und die fortlaufende Überwachung neurologischer Funktionen, wie Sprechen, Bewegen, Sehen und Hören während der OP erlauben uns heute viel schonendere und präzisere Eingriffe“, so Ulrich.

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Unterschiede bei der Bösartigkeit

Neben dem chirurgischen Eingriff kommt bei Hirntumoren alternativ oder zusätzlich die Bestrahlung des Tumors zum Einsatz. In der Strahlentherapie wurden zuletzt enorme Fortschritte erzielt. Es ist heute möglich, das Tumorgebiet ganz gezielt zu bestrahlen (interstitielle Brachytherapie). Das Krankenhaus zähle weltweit zu den Kliniken mit der größten Erfahrung auf diesem Gebiet, sagt Prof. Nikolaos Zamboglou, Chefarzt der Strahlentherapie. „Die Brachytherapie bietet uns die Möglichkeit, sogar dann noch einmal etwas für den Patienten zu tun, wenn der Hirntumor nachwächst.“

Jeder Patient und jeder Tumor ist anders

Die Therapiepalette war lange Zeit auf Operation und Strahlentherapie beschränkt. In den späten 70er Jahren zeigten Studien erstmals die Vorteile einer kombinierten Chemotherapie gegenüber der alleinigen Strahlentherapie. Die damals eingesetzte Kombination von Chemotherapeutika war mit starken Nebenwirkungen belastet. Sie wurde in den Folgejahren durch Temozolomid ersetzt, eine Substanz, die wesentlich weniger Nebenwirkungen hat. Eine Genomanalyse erlaubt heute bereits eine Abschätzung der Wirksamkeit der Chemotherapie bei einem individuellen Tumor. „Jeder Patient und jeder Hirntumor ist anders“, erläutert Ulrich. „Es kommt darauf an, die optimale Kombination aus chirurgischer Behandlung, Strahlentherapie und Chemotherapie zu finden.“

Trotz aller Fortschritte bleibt die Behandlung schwierig. „Die Patienten benötigen auf jeden Fall eine sehr sorgfältige Beratung und Betreuung, auch in der Nachsorge“, sagt der Arzt. „Noch viel zu wenig Beachtung findet die psychoonkologische Begleitung, also eine psychische Betreuung durch einen Experten. Denn auch die Seele will behandelt und geheilt werden.“

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