Wissenschaftler verweist auf Studien

Neuer Antisemitismus hat viele Gesichter

Offenbach - Der Bielefelder Universitätsprofessor Andreas Zick forscht seit Jahren zu den Fragen: Wer ist denn so antisemitisch? Und warum transportieren wir antisemitische Vorurteile so stabil über die Jahrzehnte?

Mit Blick auf den Übergriff auf den Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz sprach unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey mit ihm über seine Forschungsergebnisse:

Erfahrungen von jüdischen Mitbürgern bestätigen, dass Judenfeindlichkeit in Deutschland noch immer an der Tagesordnung ist. Wie äußert sich das, hängt dies vorrangig mit dem Nahost-Konflikt zusammen?

Der Antisemitismus ist nach Ergebnissen vieler Studien ein Alltagsphänomen. Zwischenfälle, wie sie in Offenbach passieren, sind Fälle zwischen vielen. Der Antisemitismus hat dabei viele Gesichter. Die derzeit stärkste Ausdrucksform ist sicherlich ein Antisemitismus, der sich des Nahost-Konflikts bedient. Wir haben in unseren Umfragen über zehn Jahre beobachtet, dass eine große Zahl von Bürgern einer so genannten antisemitischen Israelkritik zustimmt. Die Politik der israelischen Regierung wird als jüdische Politik beurteilt. In unserer letzten Umfrage 2011 stimmten zum Beispiel fast 40 Prozent der Befragten der Meinung zu, dass das, was der Staat Israel mit den Palästinensern macht, im Prinzip auch nichts anderes ist als das, was die Nazis mit den Juden im Dritten Reich gemacht haben. Der neue Antisemitismus, der sich auf den Nahost-Konflikt beruft, greift aber besonders da, wo er an Stereotype, Klischees und Stigmata von Juden anknüpfen kann. Insofern hat er viele Gesichter.

Gibt es inzwischen eine neue Qualität beim Antisemitismus?

Sicherlich gilt dies mit Blick auf den modernen Antisemitismus, der sich auf die angebliche Nahost-Kritik beruft. Er ist salonfähig in bürgerlichen und gebildeten Schichten. Er reagiert auf die Wirtschafts- und Finanzkrise. Allerdings entwickelt jedes Vorurteil immer eine neue Qualität, um sich an den Zeitgeist anzupassen. Was wir heute als neuen Antisemitismus beurteilen, mag morgen schon wieder traditionell sein. Erinnern wir uns zum Beispiel an die Opfer-Täter-Umkehr in der Nachkriegszeit, wo behauptet wurde, dass Juden selbst an ihrer Verfolgung schuld seien. Das ist heute fast schon eine traditionelle Abwertung. Und die Stimmung, einen Schlussstrich unter die Geschichte des Holocaust zu setzen ist auch nicht mehr modern.

Wie definieren Sie Antisemitismus in Deutschland, was trägt zur Begriffsklärung bei?

Im allgemeinsten Sinne ist der Antisemitismus eine Feindseligkeit gegenüber Juden und dem Judentum, weil es um Juden bzw. das Judentum geht. Die Feindseligkeit drückt sich in einer Zuschreibung negativer Eigenschaften auf die Gruppe der Juden aus, die stabil über die Zeit ist und über alle Juden und das Judentum hinweg geäußert wird. Das heißt auch: Ja, man kann Israel für die Politik kritisieren. Sobald wir aber die Kritik verwenden, um das Judentum abzuwerten, müssen wir uns dem Vorurteilsverdacht stellen.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare