Neuer Halt für alten Kerl

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Vorsichtig: Langsam wird der Mainfischer in die Horizontale gehievt, damit sich die Fachleute seine innere Konstruktion vornehmen können

Offenbach - Friedrich Harms ist nicht mehr allein. Gut, etwas wohlwollend betrachtet hat er seit zwei Monaten stets Gesellschaft. Aber der 2,60 Meter große, drei Tonnen schwere, 75 Jahre alte Mainfischer ist nicht gerade der Gesprächigste. Von Martin Kuhn

Harms restauriert die Bronzefigur und hat seit gut einer Woche einen Kollegen an der Seite: Ziseleur Steffen Zimpel. In John Lohrmanns Werkstatt bringen sie weiterhin das Offenbacher Wahrzeichen auf Vordermann. Die geplante Vorgehensweise hat sich jedoch geändert.

Ursprünglich sollte die Figur, die am 18. Juni 2009 vom angestammten Platz an der Carl-Ulrich-Brücke gehoben wurde, nach der Reinigung auseinander genommen werden. Davon haben die Experten inzwischen Abstand genommen. „Da hätten wir mehr Schaden angerichtet als sachgerecht restauriert“, sagt der Berliner Zimpel. Harms bestätigt das mit einem Kopfnicken. Also war das Gutachten falsch? „Nein, aber vieles bemerkt man erst bei der Bearbeitung.“

Die Dreckschicht, mit der das Standbild nach einem Modell von Ernst Unger überzogen gewesen ist, hat eigentlich jeder registriert. Das Problem liegt tiefer: Die einzelnen Bronzeteile sind mittels eisernen Dornen verbunden worden. Diese inneren Verbindungselemente „sind infolge elektrochemischer und Bimetallkorrosion teils bis zum totalen Materialverlust korrodiert“, heißt es in den Gutachten.

„Sehen Sie“, sagt der Ziseleur, und öffnet eine kleine Metalldose. Tja, die Sammlung sieht aus wie verrostete, großkalibrige Querschläger. „Damit hielt das Ding. Und so sehen die neuen, 15 Zentimeter langen Bronzestifte aus.“ Zu vergleichen ist das nicht: „Das ist doch was ganz anderes!“ Richtig. Und der Austausch der 52 Stifte ist kniffliger als angenommen. Mit einem Magneten orten die beiden die verrotteten Eisenstifte. Behutsam wird mit einem 2er-Stahlbohrer angebohrt. Anhand der Eisenspäne sehen sie, „ob wir auf dem richtigen Weg sind“. Dann tasten sie sich mit der Bohrergröße vor – maximal bis zum 10er.

Bilder von der Mainfischer Restaurierung

Restaurierung des Mainfischers

Alter Eisen-, neuer Kupferdorn: Sie halten die Teile des Mainfischers zusammen.

Dann schlägt im wahrsten Sinne die Stunde von Steffen Zimpel. Er treibt den Bronzestift solange in die Statue, bis sich der Konus festklemmt, dann fräst Friedrich Harms den Stift ab. Die überstehenden Enden klopft der Berliner nicht nur glatt. Behutsam passt er den Stift der übrigen Oberfläche an, man spricht gern von plastischer Verformung. Hier wird das erfahrbar. Am Ende ziseliert er noch die Fugen. Letztlich ist kein Übergang mehr zu spüren. Muss nur noch für die passende Optik gesorgt werden, die sogenannte Patina. Der Ziseleur, der seit gut 30 Jahren in dem nahezu ausgestorbenen Beruf tätig ist, spricht lieber von „Edelrost“. Dies ist in der Regel ein langwieriger Prozess, Folge einer chemischen Reaktion der Oberfläche mit Umwelteinflüssen. So viel Zeit haben die Restauratoren nicht: Sie beschleunigen das mit einem Chemikalien-Mix („Das ist jetzt aber wirklich Betriebsgeheimnis.“) und Wärme. „Eine ganz gezielte Reaktion“, beruhigt Zimpel.

Die Mitarbeiter von John Lohrmann heben den Mainfischer in die Waagerechte, damit sich der Ziseleur die innere Konstruktion vornehmen kann. „Ich bin gespannt. Das kenne ich nur von Fotos.“

Die Experten aus Ellerau, die John Lohrmann in Abstimmung mit der Mainviertel GmbH ausgewählt hat, haben schon ganz andere Standbilder restauriert – etwa das Reiterstandbild Friedrich II. in Berlin. Das ist freilich eine ganz andere Hausnummer. „Aber der hier“, sagt Steffen Zimpel und klopft dem Mainfischer wohlwollend auf die Schulter, „hat auch eine ordentliche Größe...“

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