Neuer „orth“ für junge Kunst

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Noch kahl, aber bald künstlerisch: Gisela Merkle und ihr Mann Herbert Aulich mit dem Galeristen Thomas Hühsam in den künftigen Ausstellungsräumen an der Frankfurter Straße 59.

Offenbach ‐ Wer in Offenbach junge Kunst vermarkten will, muss Stehvermögen beweisen. Im Umfeld der renommierten Hochschule für Gestaltung gedeiht viel Kreatives, doch hat die Stadt außer reizvollen Kulissen kaum Sicherheiten zu bieten. Die umtriebige Kunstszene umgibt ein eigenwilliger Charme des Provisorischen, geprägt von Hinterhaus-Situation und Gründungsmentalität. Von Carsten Müller

Mehr oder weniger feste Strukturen haben sich mit der Galerie Salon 13 des Bundes Offenbacher Künstler (BOK) und der Ateliergemeinschaft in der Mato-Fabrik gebildet. EVO-Galerie, Haus der Stadtgeschichte und Klingspormuseum bespielen in der selbst ernannten Design-Stadt eigene Nischen.

Da mutet es wie eine glückliche Fügung an, wenn Anfang Februar in der westlichen Innenstadt neue Ausstellungsräume eröffnen, die gekonnt den Bogen zwischen musealer Präsentation und offener Situation schlagen. „orth für junge Kunst“ nennt sich die geräumige Etage an der Frankfurter Straße 59, mit einem ambitionierten Jahresprogramm, dessen Augenmerk sich vor allem auf das Potenzial von Nachwuchskünstlern richtet.

Außergewöhnliches Engagement führte zur festen Anmietung

Finanziert wird der neue Kunst-Ort von dem Rumpenheimer Ehepaar Gisela Merkle und Herbert Aulich. Der dem Konstruktivismus verbundene Offenbacher Maler und Objektkünstler zählt zu den anerkannten Vertretern der deutschen Kunst der 60er Jahre. 1927 in Wüstendorf bei Breslau geboren, absolvierte er die Werkkunstschule Hannover, wo er auch einen Lehrauftrag hatte. Aulich, der Grafik, Malerei und Objekte im In- und Ausland ausstellte, erhielt den Lovis-Corinth-Preis der Künstlergilde Esslingen, den Rosenthal-Studio-Preis für Design und den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen. Gisela Merkle hat als Kieferorthopädin in Offenbach gearbeitet. Das Mäzenatenpaar trägt sich mit dem Gedanken, eine Stiftung ins Leben zu rufen.

Ihr außergewöhnliches Engagement führte zur festen Anmietung einer mehr als 170 Quadratmeter großen Wohnung, die jährlich von drei Ausstellungen mit jungen oder zeitgenössischen Positionen bespielt werden soll, zusätzlich mit einer Werkschau als Einzelausstellung. Unterstützt wird der „orth für junge Kunst“ von der Gemeinnützigen Offenbacher Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft (GOAB) und der Hausverwaltung Pausch.

Wichtige Erfahrungen für die Selbstvermarktung

Frisch wie die großzügigen Räumlichkeiten im dritten Stockwerk des gutbürgerlichen Wohnhauses ist auch das Konzept hinter „orth für junge Kunst“. Den Talenten wird einerseits freie Hand gegeben, um einen Raum nach ihren Vorstellungen auszustatten und zu präsentieren. Sie sammeln dabei wichtige Erfahrungen für die Selbstvermarktung. Kuratoren stellen zudem ausgewählte Arbeiten in einen Gruppenzusammenhang. So ergeben sich spannende Dialoge zwischen künstlerischem Selbstbild und dem distanzierten Blick des Kunsterfahrenen.

Die Initialen „orth“ stehen für zwei in der Stadt bekannte Ausstellungsmacher, nämlich den an der HfG ausgebildeten gebürtigen Berliner Oliver Raszewski und den Galeristen Thomas Hühsam, den es vor mehr als zehn Jahren aus der Nachbarstadt Frankfurt nach Offenbach verschlagen hat und der an der Frankfurter Straße eine Galerie betreibt.

Über viele Jahre waren sie für Organisation und Konzeption der „Kunstansichten“ verantwortlich, führten die Künstlervereinigung Netzwerk Offenbach zu internationalen Messen und bereicherten mit Kunsträumen wie der Fahrradhalle an der Luisenstraße sowie Studio/Moschee an der Ludwigstraße die Ausstellungsszene. Jetzt ist eine weitere gute Adresse hinzugekommen.

Eröffnung am 6. Februar

Eröffnet wird „orth“ am 6. Februar mit einer Ausstellung der HfG-Absolventen Nadine Röther, Valentin Beinroth, Jörg Obenauer und Philipp von Wangenheim. Es spricht unter anderem Stephan Wildhirt, ehemals Bürgermeister und Kulturdezernent.

Weitere Ausstellungen in diesem Jahr zeigen Arbeiten von Absolventen der Leipziger Kunsthochschule, kuratiert von den Betreibern des Mannheimer Kunstraums „Merkel Collection“, Wolfgang und Irena Merkel, sowie von Absolventen der Düsseldorfer Akademie, kuratiert vom Düsseldorfer Galeristen Peter Tedden. Ende des Jahres folgt eine Werkschau mit Arbeiten von Herbert Aulich.

Drei Fragen an ...

...Gisela Merkle, die mit ihrem Mann Herbert Aulich neue Ausstellungsräume finanziert. Wie kam es zur Neugründung eines Kunstraums?

Mein Mann und ich haben bedauert, dass der Ausstellungsraum in der Fahrradhalle schließen musste, und fanden, dass man die Arbeit mit jungen und zeitgenössischen Künstlern wieder aufnehmen müsste. Die Fahrradhalle war ein tolles Projekt. Mit dem orth wollen wir ein Äquivalent schaffen.

Weshalb fördern Sie orth mit privaten Mitteln?

Seit 45 Jahren bin ich in Offenbach. Ich habe hier eine Praxis gehabt und mein Geld verdient. Das wollte ich in irgendeiner Form wieder zurückgeben. Junge Kunst habe ich eigentlich als Sammlerin gefördert, seit ich eigenes Geld verdiene. Das ist kein neues Anliegen von mir. Mein Mann ist Maler, hat an den Kunstansichten teilgenommen und in der Fahrradhalle ausgestellt, und so sind schon einige Bindungen da.

Ist Ihr finanzielles Engagement langfristig gedacht?

Wir tragen uns mit dem Gedanken, eine Stiftung einzurichten, die künftig den Ausstellungsraum finanzieren soll. Die Sache ist im Werden, und es sind noch einige Fragen zu klären. Deshalb wollen wir die Angelegenheit nicht allzu hoch hängen. In den nächsten Wochen wollen wir das aber auf den Weg bringen.

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