Hohe Qualität aus Offenbach

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„Marken für die Welt“ im neuen Dr. Jürgen-Marschner-Saal des Deutschen Ledermuseums.

Offenbach - „Audrey Hepburn und Steve McQueen würden Offenbach tragen.“ Mit zwei Stilikonen wirbt Paul David Rollmann vom Label Airbag Craftworks für die „Luftmatratzentasche“, die er als „Tribute to Offenbach“ versteht. Von Markus Terharn

Das schicke Stück ist ein Blickfang im Dr. Jürgen-Marschner-Saal des Deutschen Ledermuseums (Frankfurter Straße 86), der am Sonntag, 18. März, 11.30 Uhr, im Beisein von Oberbürgermeister Horst Schneider festlich eröffnet wird.

Neuheiten aus örtlichen Kreativschmieden sind das eine. Die meisten der 150 Taschen und Kleinlederwaren, größtenteils zum ersten Mal ausgestellt, bilden jedoch das Spektrum der regionalen Produktion im 20. Jahrhundert ab. Unter dem Motto „Marken für die Welt“ finden sich Erzeugnisse von Firmen wie Goldpfeil und Seeger, Picard und Comtesse, Michaelis und Kummerant, Weipert (Traveller) und Duttiné: oft extravagant, stets exquisit, immer von höchster Qualität. Auch Designer wie Christian Dior, Jil Sander und Otto Kern ließen in Offenbach arbeiten.

„Auf Augenhöhe mit Wien, Paris und London“ sieht Museumsleiter Dr. Christian Rathke die „Offenbacher Lederwaren“. Eine entsprechende Leuchtreklame hat er an einem Fachgeschäft im westfälischen Höxter entdeckt und sich gleich gesichert. Internationale Wertschätzung drückt sich in Goldmedaillen von Weltausstellungen für Goldpfeil aus. Ein Porträt von Gründer Ludwig Krumm hängt an der Wand.

Auf Augenhöhe mit Wien, Paris und London

Gesammelt hat die edlen Objekte Dr. Rosita Nenno. Sie ging auf die Hersteller zu, interessierte sich für ausgewählte Ware aus der aktuellen Kollektion. So kann sie Produkte präsentieren, die erst im Herbst/Winter 2012/13 in die Läden kommen.

Gestalterische Güte und handwerkliche Hochwertigkeit sind Kriterien, nach denen Nenno die Exponate aus einem sehr viel reicheren Bestand auswählte. Was sie zusammengetragen hat, dürfte nicht nur Frauenherzen höher schlagen lassen.

Da ist etwa das goldgelbe Modell aus Rosshaar und Kalbleder, wie es die japanische Kronprinzessin Masako 1993 bei ihrer Hochzeit am Handgelenk baumeln ließ. Aus dem Jahr 1928 stammt die Tasche „Lindbergh“ in Gestalt eines Flugzeugs: Hommage an den Atlantikflieger. Ein anderes Abendtäschchen sieht wie ein Auto aus.

Von Notzeiten zeugt ein Beutel aus Kuhmagen. Den Zeitgeschmack der 50er Jahre verrät eine Tasche in Nieren- oder Bohnenform. Andere erinnern an eine Trommel oder an eine „fliegende Untertasse“. Eine Gürteltasche prunkt mit jugendstilartigen Applikationen. Für Schirme aus dem Hause Knirps gibt es elegante Hüllen in Kroko-Optik. Teures Reisegepäck behauptet von sich, es sei „nicht jedermanns Leder“. Das Solar-Attaché-Köfferchen für den Herrn erzeugt gar Strom.

Stiftung finanzierte die Ausstattung

Für die schlagfertige Dame eignet sich die Innovation „ouch!“, 2010 von der Studentin Diana Jaskólska entworfen. Die Selbstverteidigungstasche ist mit Maismehl gefüllt, das unter Druck, durch rasches Schleudern erzeugt, hart wird. Assoziationen zum Morgenstern, einer im Mittelalter gefürchteten eisernen Waffe, sind erlaubt. Gedanken über ökologische Nachhaltigkeit macht sich der Mühlheimer Erfinder von „Harold’s Made in Germany“: 95 Prozent des Materials – Leder, Leinen, Garn – kommen aus maximal 600 Kilometer Entfernung ins Rhein-Main-Gebiet. So ist der Kohlendioxidausstoß auf ein Minimum begrenzt.

Mit dem neuen Raum, den er einen „würdigen Rahmen für die Sammlung“ nennt, sieht Rathke eine Verpflichtung des Musems erfüllt: „Hugo Eberhardt hat es zur Fortbildung und Anregung von Feintäschnern gegründet“, verweist der Direktor auf den Anschauungseffekt. Die Ausstattung finanzierte die Dr.-Marschner-Stiftung mit 135.000 Euro. Jürgen Marschner (1939-2004), dessen Namen der Saal tragen wird, war Hauptgesellschafter der Kaufhäuser M. Schneider in Frankfurt und Offenbach; das Geld stammt aus seinem Privatvermögen.

Stiftungsvorstand Wolfgang Rawer hat zur Lederwarenindustrie übrigens eine „unerfreuliche Beziehung“, wie er erzählt: In seinem früheren Beruf als Konkursrichter hat er den Niedergang der Branche miterlebt, die zu ihren Glanzzeiten in hunderten Unternehmen tausende Mitarbeiter beschäftigte...

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