Neues Zeugenzimmer am Amtsgericht

Spießrutenlauf zu Ende

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Probesitzen im Zeugenzimmer: Vizepräsidentin Petra Schott-Pfeifer, Melanie Gliem und Mareike Fähler vom Verein Hanauer Hilfe, Vereinsvorsitzender Heinz Frese und Amtspräsident Stefan Mohr freuen sich über das neue Angebot im Offenbacher Amtsgericht.

Offenbach - Das neue Zeugenzimmer am Offenbacher Amtsgericht bietet Opfern und Zeugen von Straftaten einen Rückzugsort. Im Mittelpunkt stehen dabei die Betreuung und das Abschirmen vom Angeklagten. Von Jenny Bieniek 

Wer glaubt, Gerichtssendungen wie „Barbara Salesch“ hätten der Bevölkerung ein realistisches Bild von Verhandlungsabläufen vermittelt, der irrt. Im Gegenteil: „Viele haben solche Sendungen im Kopf und glauben etwa, das auch bei ihrer Anhörung jeder einfach reinrufen darf“, so die Erfahrung von Mareike Fähler.

Dass die Realität anders aussieht, darüber klärt die Sozialarbeiterin Opfer und Zeugen von Straftaten seit einigen Wochen im neuen Zeugenzimmer am Offenbacher Amtsgericht auf. Fähler ist Mitarbeiterin des Vereins Hanauer Hilfe, der sich bereits seit 1984 professioneller Opferberatung widmet und das hiesige Zeugenzimmer auf Bitte des Landes betreut.

Der zentral gelegene Raum im Neubau an der Kaiserstraße bietet Betroffenen vor, während und nach der Gerichtsverhandlung einen Rückzugsort. Im Wechsel mit Kollegin und Sozialpädagogin Melanie Gliem ist Fähler montags bis donnerstags zwischen 8.30 und 12.30 Uhr dort anzutreffen, um Fragen zu beantworten, Ängste zu nehmen, auf das Verfahren vorzubereiten und einen geschützten Aufenthaltsraum in räumlicher Distanz zum Beschuldigten anzubieten.

Orangefarbene Gardinen, die graue Couch, eine Kinderecke und helle, freundliche Farben strahlen Ruhe aus. 3000 Euro hat die Hanauer Hilfe in die Ausstattung des Raums investiert. In einem Hefter auf dem Tisch sind alle Verhandlungssäle abgebildet. „Damit die Zeugen wissen, was sie erwartet und welche Beteiligten wo sitzen“, erklärt Fähler. Vor allem Kinder müsse man auf die bevorstehende Situation vorbereiten. Ein Türknauf verhindert den Eintritt von Unbefugten, zudem verfügt der Raum über eine Notfalltaste. Ein Türspion soll folgen. Bei Bedarf holen die Mitarbeiterinnen Zeugen direkt an der Pforte ab.

Einer Richtlinie nachgekommen

Mit der Einrichtung eines solchen Zeugenzimmers ist das Amtsgericht einer neuen EU-Opferschutzrichtlinie nachgekommen, nach der Opfer das Recht auf Vermeidung des Zusammentreffens mit dem Straftäter haben. Gerade in Offenbach seien Kriminalität und Sicherheit immer Thema, so Amtsvizepräsidentin Petra Schott-Pfeifer. „Deshalb wollen wir Betroffenen signalisieren: Wir sind sensibel für Eure Ängste und bieten im Rahmen unserer Möglichkeiten Hilfe an.“ Sie erinnert sich noch gut an einen Vorfall vor einiger Zeit, bei dem ein Zeuge Angehörigen des Angeklagten auf dem Gerichtsflur begegnete und danach so eingeschüchtert war, dass er nicht mehr aussagen wollte. Dank des Zeugenzimmers dürften derartige Szenarien nun der Vergangenheit angehören.

„Leider überwiegt unter Bürgern noch immer die Meinung, die Justiz sei kein servicefreundliches Unternehmen“, bedauert Heinz Frese, Vorsitzender der Hanauer Hilfe und selbst Strafrichter im Ruhestand. Auch er ist froh, dass frühere Spießrutenläufe für Zeugen in Offenbach damit vom Tisch sind.

Der Etat seines Vereins liegt bei jährlich rund 300.000 Euro. Ein Teil davon ist durch Zuwendungen des Hessischen Justizministeriums gedeckt. Knapp die Hälfte aber müssen er und seine Mitarbeiter extern einholen, etwa über Bußgeldzuweisungen oder Spenden. „Ohne die Bußgelder müssten viele Opferhilfen schließen“, weiß er.

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In Hanau gibt es schon seit 2010 ein Zeugenzimmer. Im vergangenen Jahr haben es 90 Menschen in Anspruch genommen, weitere 200 suchten die Beratungsstelle auf. Zum neuen Service gehört neben der Kinderbetreuung auch die Begleitung von Zeugen in den Gerichtssaal. Zwar sind die Mitarbeiterinnen nicht redeberechtigt, „aber manchmal hilft schon ein Handauflegen, um zu beruhigen und ein bisschen Sicherheit zu vermitteln“, so die Erfahrung von Sozialpädagogin Melanie Gliem.

Wichtig hierbei: Das Vereinsteam ist zur Wahrung der Neutralität verpflichtet. Das heißt, es betreut und informiert Ratsuchende zwar über die Abläufe, darf aber keine Hinweise etwa in puncto Aussage geben.

Ab kommender Woche erhalten Zeugen mit ihrer Ladung ein Info-Blatt der Hanauer Hilfe mit Kontaktdaten und Details zum kostenlosen Angebot. Kontakt: 069/80575678.

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